Caster Semenya tauchte erst vor drei Wochen bei den afrikanischen Juniorenmeisterschaften als neues Talent am Sporthimmel auf. Zuvor hatte man kaum etwas von ihr gehört. Jetzt ist sie Goldmedaillengewinnerin der Leichtathletik- Weltmeisterschaften in Berlin und steht wegen Zweifel an ihrem Geschlecht  im Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Überall ist sie das Thema der Presse: Caster Semenya, die Gewinnerin des 800 Meter- Laufs. Mit 1:55,45 Minuten, zwei Sekunden vor ihrer Rivalin Janeth Jepkosgei Busienei aus Kenia, geht sie ins Ziel. Doch der sportliche Erfolg der 18 jährigen Südafrikanerin tritt im Moment leider in den Hintergrund. Vielmehr steht ihr Geschlecht im Mittelpunkt des Interesses. Durch ihren überragenden Sieg, ihre männliche Stimme und dem sehr muskulösen Körperbau kamen Zweifel an ihrer Weiblichkeit auf. Der IAAF hatte sie deshalb zum Geschlechts-Test aufgefordert. Die Zweifel sind groß, die Empörung über das Verhalten des IAAFs ebenfalls. Südafrikanische Politiker wollen sich nun bei der  Menschenrechtskommission der UN beschweren. Die öffentlichen Anklagen seien rassistisch und sexistisch. Es gebe auch europäische oder amerikanische Sportlerinnen mit ähnlichem Körperbau, deren Geschlecht jedoch nie in Frage gestellt wurde. Darüber hinaus ist das Verhalten äußerst unsensibel. Eigentlich sollte die Siegerehrung zu einem der schönsten Momente Semenyas werden. Anstatt dessen muss sie sich gegen ihren verletzten Stolz dazu überwinden, die Goldmedaille anzunehmen und sich öffentlich bloß stellen zu lassen.
Auch die Familie in ihrem Heimatort Masehlong, im Norden Südafrikas, leidet darunter, dass die ganze Welt auf ihr Mädchen schaut. Semenya hatte sich schon immer durchkämpfen müssen. Schon als kleines Kind fiel sie auf, weil sie sich eher wie ein Junge benahm. Doch die Leute im Dorf haben sich längst damit abgefunden. Sie akzeptieren Caster als ein Mädchen, das sich wie ein Junge verhält. Und die Tests, die Semenya über sich ergehen lassen musste, halten sie für völlig überflüssig, die einfache Wahrheit genüge. Sie haben sie als Kind oft genug nackt baden sehen.
Was nun wirklich stimmt und ob die Zweifel berechtigt sind, das Ergebnis des Geschlechtstests wird Aufschluss geben. Doch stellt man sich schon die Frage, warum das erst im Nachhinein passiert. Hatte man die Sportlerin nicht zuvor gesehen, bevor sie zu ihrem gewinnbringenden Lauf antrat? Wäre ihr Äußeres so sehr ins Rampenlicht gekommen, wäre sie nicht als Siegerin aus dem Wettkampf hervorgegangen?
Bis die Testergebnisse heraus sind, wird jedoch noch einige Zeit vergehen. Bis dahin ist Semenya längst wieder zuhause. Hoffentlich im gewohnten Alltag, nicht umzingelt von Presse und Politikern. Demnächst wird der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF Gespräche mit ihr führen. Wir sind gespannt. Angekündigt ist eine „adäquate“ Veröffentlichung der Ergebnisse, die in Absprache mit der Betroffenen stattfinden soll. Ein sensibles Umgehen mit diesem Fall wäre wenigstens jetzt, im Nachhinein, wünschenswert.
Johanna Zehe





