Wie einfach ist es für einen Ausländer, sich in einem fremden Land beruflich zu etablieren? Besonders wenn er aus Afrika kommt und seinen Beruf gewechselt hat, auf der Suche nach neuen Wegen? Und ganz besonders dann, wenn er vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen ist und noch mal ganz vom Anfang anfangen musste: die Sprache, der Freundeskreis, die professionelle Entwicklung. Diese Fragen mögen etwas fremd klingen, aber das Problem, diese Schwierigkeiten zu überwinden, werden dann klar, wenn man die Laufbahn von Leo Tchoula betrachtet.
Nachdem er mit 24 Jahren das erste Mal nach Europa gekommen ist, hat sich das ehemalige Mitglied des kamerunischen Olympischen Teams 2004 für ein Leben in der  Bundesrepublik entschieden, als er an den  Spielen in Griechenland teilgenommen hatte und daraufhin länger auf dem westlichen Kontinent bleiben wollte. In Kamerun hat sich Leo dem Judo gewidmet und ist sogar als berufserfahrener Judoko nach Griechenland gekommen. In Deutschland aber entschloss er sich, das Boxen anzufangen und sich in dieser Richtung professionell auszubilden zu lassen. „Ich wollte einfach etwas Neues in dem neuen Land anfangen und Boxen erschien mir eine gute Möglichkeit dazu“, sagt der 29-Jährige. Seine neue Heimatstadt Berlin hatte ihm etwas Passendes anzubieten: Zuerst fing Leo in dem Amateurklub Reinickendorffüchse an, um einige Jahren später zu dem professionellen Amadun Boxing Sportpromotion zu wechseln. Seit 2008 kämpft der Kameruner für Amadun Berlin und hat schon seine ersten Erfolge in der Tasche. In der Leichtschwergewicht- Kategorie hat er sechs professionelle Kämpfe gehabt und das Fazit sieht ermutigend aus: Bis jetzt hat er keinen einzigen Boxkampf verloren und kann mit dem Ergebnis (6-0) wahrlich zufrieden sein.
Natürlich ist der erste Erfolg nicht das wichtigste Hindernis, dass es zu überwinden gilt, und Leo weiß das. Er will sich weiter mit seinem neuen Beruf vertraut machen, um langfristig hier eine Perspektive zu gewinnen. Auch Enttäuschungen zu bekämpfen gehört dazu: Neulich hat der Kämpfer erfahren, dass er auf sein erstes internationales Treffen im Oktober verzichten soll, da sein Gegner den Auftritt abgesagt hat. „Das war für mich ein wichtiges Turnier und ich bereue es, nicht teilnehmen zu können“, erklärt Leo.
Ihm bleibt jedoch keine andere Wahl, als weiterzumachen. Und nicht weil er keine bessere Option hat, sondern weil ihm Boxen Lebensfreude bringt. „Mit keinem anderen Sport habe ich mich so wohl gefühlt wie im Boxen. Wenn ich boxe, verschwinden alle meine Probleme und negativen Gefühle. Sport zu treiben ist eine Herausforderung des Selbsts“, philosophiert Leo. Und als ich ihm erzähle, dass mir Boxen Angst macht, lacht er: “Wenn du mir eine Ohrfeige hier an diesem Tisch gibst, werde ich einfach gehen“. Weil für ihn Sport kein Ersatz für irgendwelche unerfüllten Ambitionen ist, wie es das bei vielen unerfahrenen Boxenamateuren der Fall ist. Sondern ein Lebensstil, den man sich verdienen sollte. Und er wird allmählich zu einer Leidenschaft.
Aleksandra Atanasova





