Mit 78 Toren ist er der erfolgreichste Pflichtspieltorschütze des 1. FC Union seit 1966. Jetzt spricht er über seine Liebe zum Fußball und seine zwei Heimaten Deutschland und Algerien.

Wie fandest du den Weg zum Fußball?

Ich habe spät angefangen. Ich habe viel auf der Straße gespielt und mit zwölf Jahren habe ich bei dem kleinen Verein Normannia im Märkischen Viertel in Reinickendorf angefangen.

Dort wurdest du entdeckt?

Entdeckt wurde ich beim 1.FC Lübars, das war auch noch in der Jugend. Später habe ich dort auch bei den Männern gespielt. Dann erst einmal sechs Jahre Oberliga hier in Berlin, denn in Berlin ist es hart: Es gibt Hertha, aber es ist schwer, dort hinzukommen. Union hat damals zweite Liga gespielt - auch schwierig. Ich bin zu Union gekommen, als sie in der Oberliga waren und mit ihnen aufgestiegen. Dreimal ….

Denkst du, dass ihr diese Saison in die 1. Bundesliga aufsteigen werdet?

Diese Saison nicht, aber vielleicht die nächste.

Wieso nicht schon diese Saison?

Wir versuchen 40 Punkte zu holen, das ist zunächst unser Ziel. Wenn wir früh 40 Punkte haben, dann können wir immer noch weiter sehen.

Aber es läuft ganz gut für euch.

Ja, aber die Saison ist noch lang. Wie gesagt: 40 Punkte sind das Ziel und den Rest werden wir dann sehen. Jetzt zu sagen, dass wir aufsteigen, wäre ein Fehler, denn dann passiert genau das Gegenteil. Dann steigen wir wahrscheinlich noch ab. (Lacht)

Du bist in Deutschland geboren, wie ist dein Bezug zu Afrika?

Mein Papa kommt aus Algerien, meine Mama ist Deutsche. Ich war fast jeden Sommerurlaub in Algerien und kenne meine Familie da sehr gut. Ich spreche Arabisch, Französisch kann ich leider nicht so gut. Es ist ein schönes Land, ich bin gerne da.

Wann warst du das letzte Mal in Algerien?

Das letzte Mal vor vier Jahren. Es war immer zu wenig Zeit und wenn meine Familie rüber geflogen ist, dann musste ich noch hier Fußball spielen.

Verfolgst du die Entwicklung des Sports in Algerien?

Die Liga dort verfolge ich nicht, da habe ich keinen Draht zu, aber zur Nationalmannschaft schon.

Hast du Kontakt mit anderen algerischen Spielern in Deutschland?

Nein gar nicht. Es gibt ja drei oder vier in Deutschland. Es gibt Ziani in Wolfsburg, Matmour bei Gladbach, Anthar Yahia bei Bochum und Amri bei Mainz, aber wir haben keinen Kontakt.

Wenn du dich entscheiden müsstest, würdest du für die deutsche oder die algerische Nationalmannschaft spielen?

Die Chance, für Deutschland zu spielen ist viel geringer, als für Algerien. Algerien hat 16 Spieler, die in europäischen Ligen spielen und 10 spielen in der algerischen Liga. Ich denke, diese Liga ist nicht so stark wie die deutsche zweite Bundesliga, also ist die Chance höher, für Algerien. Machen wir uns nichts vor, für Deutschland reicht es sicherlich nicht.

Für wen jubelst du bei der WM 2010? Algerien oder Deutschland?

Ich bin eigentlich für beide. Meine Mama ist Deutsche, wie gesagt, ich war auch immer für Deutschland in der Vergangenheit. Wenn beide dabei sind, drücke ich beiden die Daumen. Und wenn sie irgendwann aufeinander treffen, dann wäre ein Unentschieden ok.

Jetzt zu Union Berlin. Wie findest du es hier?

Ich fühle mich wohl hier, in Berlin bin ich schließlich aufgewachsen. Ich kenne mich aus, meine Familie ist hier, Union ist ein super Verein, Zuschauer gibt es genug, wir haben ein schönes Stadion, wir haben Erfolg gehabt in den letzten Jahren. Es läuft also alles ganz gut. Ich fühle mich auf jeden Fall wohl, es macht Spaß mit der Mannschaft. Wir sind ja auch länger zusammengeblieben und haben nicht jedes Jahr 8-9 neue Spieler geholt. Es kommen zwar immer 2-3 dazu, aber das ist in Ordnung.

Welche Mannschaft macht dir in der Bundesliga am meisten Angst?

Angst macht mir keine Mannschaft, aber ich habe auch noch nicht gegen alle gespielt. Bielefeld ist stark, die finde ich ganz gut. Aber ich muss gegen die anderen erst spielen, um sie einschätzen zu können. Bis jetzt konnten wir eigentlich immer gut mithalten. Gegen Duisburg waren wir sogar stärker, fand ich, aber haben dann leider verloren. Aber Bielefeld ist schon eine starke Mannschaft und vielleicht kommt ja noch eine andere, die in der Rückrunde stärker wird und sich durchsetzt.

Was ist eine schöne Erinnerung aus der 3. Liga, an die du gerne zurückdenkst?

Die schönste Erinnerung ist, dass wir mit sehr viel Punkten Abstand aufgestiegen sind und das beste Team in der Liga waren. Und das Spiel gegen Paderborn natürlich. Da haben wir 2:0 zurückgelegen und hatten sogar noch eine gelb-rote Karte und dann haben wir noch 3:2 gewonnen – mit einem Mann weniger. Das war eine schöne Erinnerung. Nach dem Spiel haben wir angefangen richtig gut weiter zu spielen, obwohl es noch ziemlich früh war in der Saison.

Du meintest die Stimmung im Team ist sehr gut?

Ja, das hat sich über die Jahre entwickelt. Die neuen Spieler werden gut angenommen und fühlen sich direkt wohl, deshalb passt das sehr gut.

Meinst du es ist generell besser für ein Team, wenn nicht jede Saison 6-7 neue Spieler dazukommen?

Ja, ein Team muss sich über längere Zeit kennen lernen und aufbauen. Wenn ständig neue Spieler dazu kommen, dann wirkt sich das nicht positiv auf eine Mannschaft aus. Man hat schon oft gesehen, dass ein Verein zehn super Spieler gekauft hat und dann ging gar nichts mehr, weil die sich nicht kannten. Es ist besser, wenn man eingespielt ist.

Hast du ein Fußball-Idol?

Zidane ist für mich unantastbar der beste Spieler. Und sonst gibt es noch viele Spieler, die ich gut finde. Benzema, zum Beispiel, der auch Algerier ist und richtig gut spielt. Christiano Ronaldo ist auch ein sehr guter Fußballer. Aber Zidane ist für mich der beste Spieler der Welt gewesen.

Wen würdest du für Union verpflichten, wenn du die nötigen Mittel hättest?

Ich habe viele Lieblingsspieler, die würde ich alle verpflichten (lacht). Aber wie gesagt, Benzema würde ich holen, Christiano Ronaldo, Messi darf man nicht vergessen, der ist auch super. Für die Offensive würde ich sehr viele verpflichten. Defensiv gibt es auch viele gute, aber die interessieren mich nicht so. Ich gucke immer nach vorne, ich will immer Tore machen (lacht).

Wie läuft es, wenn ihr ein Spiel gewonnen habt, wird dann gefeiert?

Nein, wir haben uns angewöhnt nicht so extrem zu feiern, weil wir mittlerweile wissen, dass das nächste Spiel ziemlich zeitnah kommt. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Wenn abgepfiffen wird und wir haben gewonnen, machen wir unseren Kreis, unser kleines Ritual nach dem Sieg, um uns auf die nächste Woche einzustimmen. Dann wird hart weitertrainiert und wir freuen uns schon wieder auf das nächste Spiel.

Und wenn ihr verliert?

Wenn wir verlieren, müssen wir etwas anderes machen. Vielleicht trainieren wir auf dem hinteren Platz und nicht auf dem vorderen (lacht). Aber im Ernst, wir sind jetzt in der 2. Liga und wir wissen das ist eine starke Liga, wo man auch mal verlieren kann. Damit haben wir kein Problem, solange man dann nicht in einen Strudel reinfällt, aus dem man nicht wieder herauskommt. Wir versuchen dann, das nächste Spiel wieder zu gewinnen.

Was müsstest du am Ende der Saison erreicht haben, wenn du sagen willst, ich habe meine Saison gut gespielt?

Ich möchte keine Zahlen nennen, weil das dann nicht eintritt. Aber ich möchte so viele Tore wie möglich schießen, gut mit den anderen zusammenspielen, meinen Teil dazu beitragen, dass wir nicht absteigen. Dann bin ich zwar nicht zufrieden, aber dann haben wir schon einen großen Teil geleistet. Wenn wir ein bisschen mehr nach oben schauen könnten, dann wäre ich schon ein bisschen mehr zufrieden. 1. Liga wäre schön, aber man muss realistisch bleiben. Wenn man sagt, wir steigen auf, dann passiert immer das Gegenteil. Dann fängt man sofort an, alles zu verlieren und es geht schief.

Also ist schon ein bisschen Aberglaube dabei?

Ja, auf jeden Fall. Letztes Jahr war es ja genauso. Wir haben nicht von Anfang an gesagt, dass wir aufsteigen wollen und dann lief es ganz gut und immer besser und schließlich haben wir es geschafft. 2. Liga ist natürlich schwieriger und deshalb sind wir alle der gleichen Meinung, dass wir erst mal die 40 Punkte haben und nicht absteigen wollen.

Gibt es vor dem Spiel Rituale?

Wir treffen uns kurz bevor wir rausgehen in der Kabine und machen einen Kreis, der Trainer sagt noch ein paar Worte, motiviert uns noch ein bisschen und dann gehen wir raus und wollen spielen. Beim letzten Trainingstag machen wir auch immer einen Kreis. „Mac“ tanzt dann was vor und das stimmt uns dann auch nochmal ein.

Was ist dein Lieblingsort in Berlin?

Es gibt viele Lieblingsorte. Ich mag das Märkische Viertel, wo ich aufgewachsen bin. Kreuzberg, wo ich jetzt wohne, mag ich auch sehr gerne und den Kudamm natürlich, da ist immer viel los. Die drei Orte gefallen mir am besten.

Also nur Training. Aber es gibt doch bestimmt einen Ort, wo du gerne essen gehst?

Ich gehe oft zum Richard-Wagner-Platz, da gibt es einen arabischen Laden wo ich ganz gerne esse. Fußball gucke ich gerne am Kudamm bei einem Freund, der eine Sportsbar hat.

Kommen deine algerischen Freunde auch zu deinen Spielen?

Algerier gibt es nicht so viele in Berlin, aber ich habe viele internationale Freunde, Türken, Deutsche. Die gucken die Spiele dann live in der Sportsbar.

Was würdest du jetzt machen, wenn du nicht Fußballer geworden wärst?

Plan B (lacht). Da gibt es eigentlich keine Alternative.

Subira Hamisi

Hervé Tcheumeleu

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