Unions Mittelfeldspieler Macchambes Younga-Mouhani ist in der Republik Kongo-Brazzaville geboren und aufgewachsen. Das letzte Mal war der 35-Jährige vor fünf Jahren dort. Er hat ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Heimatland. Einerseits wohnen dort Freunde und Familie, mit denen er regelmäßig telefoniert, andererseits habe es nur Probleme gegeben, als er dort in der Nationalmannschaft spielte. Er sagt: „In Afrika ist es nicht so sicher. Du hast Eltern, wenn man etwas Falsches sagt, was den Ministern nicht passt, ist deine Familie in Gefahr. Es ist besser, wenn man in Deutschland spielt und der Familie etwas Geld schickt“. Außerdem frustriert ihn die afrikanische Einstellung zum Fußball, mit der er während seiner aktiven Zeit vor Ort jeden Tag aufs Neue zu kämpfen hatte. „Es gibt dort Leute, die nicht dazu bereit sind im Profibereich zu arbeiten. Die wollen nur ein Resultat bekommen, aber nicht dafür arbeiten. Die denken, dass das vom Himmel fällt.“ Das Training sei zu lasch, es gebe keine klaren Regeln und Strafen, die Spieler kämen nur zum Fußballspielen, nicht aber zum Konditionstraining. „Wenn um 15 Uhr Training ist, kommen die Spieler um vier oder halb fünf“ – oder auch gar nicht und haben keinerlei Konsequenzen zu erwarten. Es gehe teilweise amateurhaft zu und erst in Europa entwickeln sich afrikanische Spieler weiter, werden gefordert und können dadurch ihr Potenzial voll entfalten. In Europa schaffen es jedoch nur diejenigen in den Profifußball, die auch wirklich den Willen und die Bereitschaft zu harter Arbeit zeigen. Talent allein bringe einen nicht weiter. Ein weiteres Problem des afrikanischen Fußballs sei die massive Korruption. Sportminister haben keine Ahnung von Sport, sie wissen nicht einmal, „ob ein Fußball ein Ball ist oder ein Auto“, berichtet Mouhani zynisch von seiner Zeit im Kongo. Es gehe ihnen nur darum, möglichst viel Geld zu erwirtschaften, auf welchem Weg auch immer. Problematisch sei auch die Position des Trainers: „Wenn du in Afrika Trainer bist, bist du Gott.“ Einen gegenseitigen Respekt zwischen Spieler und Trainer gebe es nicht.
All diese Konflikte zogen „Mac“ nach Europa, wo er 1994 bei Schwarz-Weiß Düren sein Debüt feierte. Die Anfangszeit jedoch verlief nicht einfach. Eine andere Sprache, ein Neuling auf dem Land zu sein und ein anderer kultureller Hintergrund machten eine Integration schwierig. Mouhani glaubte fest an sein Ziel, es als Profifußballer in Deutschland zu schaffen. Nur so sei es ihm möglich gewesen, manch schwere Zeiten durchzustehen. Auch bei Union war es für den Kongolesen in den ersten Monaten schwierig Fuß zu fassen, doch seine Erfahrung half ihm: „Das kannte ich schon, da muss man hart arbeiten, dran bleiben und dann klappt das.“ Mittlerweile ist Düren, seine erste Station in Deutschland, Mouhanis Zuhause. Dort leben seine Frau und die vier Kinder (17, 10, 7 und 4 Jahre), denen er das ständige Umziehen bei Vereinswechseln nicht zumuten wollte. Jede freie Minute verbringe er dort und erzählt scherzhaft: „Wenn wir mal ein oder zwei Tage frei haben und ich sage: ‚Ich fahre jetzt nachhause!‘, dann wundern sich meine Mitspieler immer: ‚Wie nachhause? Nach Kongo oder was?‘. Und dann kläre ich auf: ‚Nein, nach Düren!“.
Bei Union bringe er seinen kongolesischen Background aktiv mit ein. Jedes Mal vor einem Trainingslager heize er die Mannschaft an, indem er etwas vortanzt und sie gemeinsam singen. Hier werden die Kulturunterschiede deutlich. Während Spieler einer deutschen Mannschaft sich im Bus zum nächsten Spiel in eine Ecke zurückziehen und konzentrieren, singe man im Kongo während der ganzen Fahrt ausgelassen, bis man im Stadion angekommen ist. „Das Singen verjagt die Angst und den Frust“, so der vierfache Vater. Und „dann ist man auf dem Platz schon wach“, während deutsche Spieler die ersten fünf Minuten eines Spiels noch schlafen und durch ihre Mitspieler erst wach geschrien werden müssen: „In Afrika schreit einen niemand an, wenn man einen Fehlpass macht. Wenn man das nicht kennt, denkt man, das ist eine Beleidigung. Hier ist das zum Aufwachen. Damit hatte ich am Anfang auch Probleme.“
Kein Problem habe der beliebte Mittelfeldspieler, der bereits seit 2007 im Team ist, mit den Fans: „Ich liebe die Fans von Union am meisten. Die Fans bringen einen immer noch ein Stück weiter. Wir haben überragende Fans, sie haben uns sehr, sehr gut unterstützt, als der Aufstieg noch ganz weit weg war. Egal was passiert ist, die haben nie einen Spieler schlecht gemacht. Selbst wenn das Spiel mal nicht so gut lief, die Fans haben nie etwas Negatives gesagt, sondern weiter angefeuert. Die singen, machen Stimmung und sagen ‚Jungs, wir sind da!‘. Ich habe sowas noch nie erlebt.“
Vielleicht kann auch die Begeisterung der afrikanischen Fans ihre Nationalmannschaften 2010 vorantreiben. Mouhani ist jedenfalls überzeugt, Afrika habe enormes Potenzial und könne der beste Kontinent der Welt werden, sofern der Fußball endlich ernst genommen werde. Verbesserungen in Organisation und Einstellung lassen auch einen WM-Sieg einer afrikanischen Mannschaft denkbar werden.
Sabine Richter
