How to be rassismuskritisch

How to be rassismuskritisch

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"exit Racism" von Tupoka Ogette (Unrast Verlag). Eine Kritik von Lars Molzberger.

Es gibt zahlreiche Publikationen zum Thema Rassismus. Das neue Buch von Tupoka Ogette, studierte Afrikanistin und Wirtschaftswissenschaftlerin, widmet sich dem Thema mit einer neuen Herangehensweise: Anstatt den Leserin_innen mit wissenschaftlich abstrakten Definitionen und Texten zu langweilen, werden die interessierten Menschen sozusagen interaktiv in das Thema „hereingezogen“. Das Buch wendet sich vorwiegend an eine Weiße Leser_innenschaft mit dem Ziel, sie für eine rassismuskritische Perspektive zu ermutigen. Dazu ist das Buch in den Kapiteln in drei Teile aufgebaut: Input, interaktiver Teil und Logbuch.

Unter „Input“ wird für den jeweiligen Themenabschnitt das nötige Hintergrundwissen vermittelt, z.B. der Deutsche Kolonialismus und seine Folgen für Schwarze Menschen bis heute. Der „interaktive Teil“ vermittelt Anregungen für den Alltag. Neue Perspektiven entdecken, mit den betroffenen Menschen sprechen, die eigene Sichtweise hinterfragen. Im Logbuch kommen ehemalige Workshopteilnehmer_innen zu Wort. Sie beschreiben aus der Weißen Perspektive ihre Empfindungen, die sie bei den Antirassismus-Workshops der Autorin hatten. Anhand dieser Erfahrungsberichte können die Leser_innen schauen, ob es ihnen vielleicht ähnlich geht.

Kennen Sie „Happyland“? In Happyland leben Weiße Menschen, bevor sie sich aktiv mit Rassismus beschäftigen. Es ist ein Traumland: Rassismus gibt es nur bei spezifischen gesellschaftlichen Gruppierungen (Neonazis, AfD), Hautfarbe spielt keine Rolle, der Mensch wird als Individuum gesehen. Hört sich alles schön an. Aber: Happyland funktioniert nur auf Kosten anderer Menschen, in dem sie ausgegrenzt, verletzt und entwürdigt werden, weil Happyland nur für Weiße Menschen geschaffen wurde und Schwarze Menschen und People of Color darin keinen Platz haben. Tupoka Ogette möchte die Leser_innen zum Auszug aus Happyland bewegen.

Das Kapitel Rassismus und Weißsein heute beschäftigt sich mit dem substilen Rassismus, den Mikroaggressionen. Diese Mikroaggressionen sind es, die wohlmeinende weiße Menschen nicht als Rassismus erkennen (wollen). Als Beispiel sei die leidige Frage „Woher kommst du wirklich?“ genannt. Damit soll Schwarzen Menschen und People of Color vermittelt werden, dass sie nicht deutsch und im eigenen Land nicht zu Hause sind. Genau diese Mikroaggressionen unterscheiden sich in ihrer Wirkung nicht vom offenen Rassismus.

Ein wichtiger Hinweis an Schwarze Menschen und People of Color, die das Buch lesen: Eine Triggerwarnung. An einigen Stellen im Buch, besonders im Kapitel „Die Macht der Sprache – Die Sprache der Macht“ wird rassistische Sprache reproduziert. Das N-Wort wird ausgeschrieben, um der angesprochenen Zielgruppe das rassistische Konstrukt, das dieser Fremdbezeichnung zugrunde liegt, zu vermitteln.

Besonders aufschlussreich sind meiner Meinung nach die Logbücher. Die Seminarteilnehmer_innen konnten dort ihren teilweise heftigen Gefühlsschwankungen freien Lauf lassen. Es ist halt nicht einfach zu ertragen, wenn man von seinem bequemen „Privilegien-Sofa“ gestoßen wird. Ein Mensch beschreibt die veränderte Wahrnehmung, die er durch den Workshop erfahren hat: Plötzlich erkennt er Rassismus dort, wo er ihn bisher nicht ausgemacht hat. Im Fernsehen, in Kinderbüchern, Äußerungen von Kolleg_innen, usw. Genau das ist die Quintessenz des Buches. Die angesprochenen Weißen Menschen sollen erkennen, das Schwarze Menschen und People of Color eines sind: Menschen wie du und ich, Individuen wie du und ich. Und zwar unterschiedslos.

Lars Molzberger

„exit RACISM. rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette, erschienen im Unrast Verlag. 12,80 Euro. ISBN 978-3-89771-230-0

titel_lonam_juni2017Ein Beitrag aus der LoNam-Ausgabe 3/2017 mit dem Schwerpunkt „Afrocuisine – Wieviel Afrika steckt in unserem Essen?“.
Die Einzelausgabe mit vielen anderen Beiträgen ist bestellbar unter: abo(at)lonam(.)de

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