CD-Kritik: Blinky Bill „We Cut Keys While You Wait“

CD-Kritik: Blinky Bill „We Cut Keys While You Wait“

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Der kenianische DJ und Elektropop-Virtuose Blinky Bill überrascht mit neuer EP.

CD Cover „We Cut Keys While You Wait“

Die ersten Sekunden der EP „We Cut Keys While You Wait“ gleichen einer kleinen Soundreise. Mystisch, wie Nebel in einem dunklen Wald, wabern E-Gitarrentöne durch den Raum, bahnen sich pumpende Bässe, funkige E-Orgelklänge und trockene Hi-Hats den Weg durchs Dickicht. Es entsteht ein Sound, der das eingeweihte Ohr an das kenianische Elektropop-Kunstkollektiv „Just A Band“ erinnert. Kein Wunder, denn hinter „We Cut Keys While You Wait“ steckt der kenianische Beatmaker, Musiker, DJ und Dauerhutträger Blinky Bill, der selbst Teil des Kollektivs ist.

Beatmaking, grob beschreibbar als das zu meist auf Sampling basierende Produzieren weitgehend instrumentaler Musikstücke, erfreut sich in den letzten Jahren einer immer größer werdenden Beliebtheit. Neu hierbei ist, dass nicht mehr Gesang und Rap im Fokus stehen, sondern die Arbeit der Produzierenden selbst: die Beats.

Mit insgesamt fünf Tracks präsentiert Blinky Bill, der sein Können schon auf internationalen Events wie dem Summer Stage in New York, dem Paleo Festival in der Schweiz und der Red Bull Musik Academy in Tokyo zur Schau stellte, sein stilistisches Repertoire. So fließen in „Don’t Doubt“ beispielsweise die Klänge einer Spieluhr und eines Spielautomaten mit der Stimme der Singer-Songwriterin Maia von Lekow zu einer warmen-mantrischen Melodie zusammen, auf die der Produzent selbst einige Verse rappt. Das Stück „Wacha Maneno“ hingegen zerstreut diese soeben entstandene Entspannungsatmosphäre. Mit seinen antreibenden Brummbässen ist es ein energischer Tune für die Tanzfläche.

Wie andere Kunstarten auch, fungiert Musik häufig als Ausdruck individueller wie kollektiver Identitäten. Wenig überraschend wirft daher das Label „kenianische Musik“ die Frage nach der musikalischen Identität kenianischer Musik auf. Kritiker_innen werfen dieser vor, sich zu sehr an Melodien und Rhytmen aus Nigeria, Südafrika und den USA zu orientieren und zu wenig auf eigene Musiktraditionen zurückzugreifen.

Vielleicht hat Blinky Bill diese Diskussion im Kopf, wenn er mit „Rise“ an die Hochphase der kenianischen Musikindustrie, die 1970er und 1980er Jahre erinnert. Benga Musik und kongolesische Bands wie Orchestre Virunga und Les Mangelepa erfreuten sich in dieser, für ihr kreatives Potential und ihre Experimentierlust bekannten Zeit, großer Freude. Wie musikalische Ahnen sprechen nun in „Rise“ „Sophia Ben & The Eagles Lupopo“ zu uns in die Gegenwart. Während sich die ersten Töne wellenartig ausbreiten, taucht aus der Ferne der unverwechselbare Refrain von „See Serere“ auf. Es ist der stärkste, der traurigste und der schönste Song der gesamten EP.

Schade nur, dass der letzte Song der EP so völlig aus dem Rahmen fällt. „Kwani Iko Nini“ ist kein schlechtes Lied. Mit seinen an Jump-and-Run-Computerspiele erinnernden, flummiartig hüpfenden Rhythmen ist es jedoch eine experimentelle Hochkultur, die schnell auf die Nerven gehen kann.

Daniel Koßmann

Download-Vertrieb über www.blinkybill.bandcamp.com

Texteschreiber und Fotomacher. Freier Journalist. Kunst und Kultur, weil sie Grenzüberschreitungen ermöglichen. Studium der Regionalstudien Asien/Afrika (B.A.) und Afrikawissenschaften (M.A.) mit Ostafrika-Schwerpunkt an der Humboldt-Universität zu Berlin und der University of Nairobi.

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