Sie bringen der Jugend bei, dass ihre Meinung nichts wert ist.

Sie bringen der Jugend bei, dass ihre Meinung nichts wert ist.

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Hilaire Djoko, alias Rapper Hobskur, setzt sich mit seiner Musik gegen soziale Ausgrenzung und für politische Aufklärung in Kamerun ein. Mit seiner Crowdfunding-Kampagne #StopMurderingAfricanPeople, die noch bis zum 7. August läuft, sucht er Unterstützer für sein neues Projekt. Durch Konzerte und Sticker-Aktionen will er in sozial schwachen Stadtgebieten Doualas und Yaoundes ein Bewusstsein für Polizeigewalt und -unterdrückung schaffen. Die Idee ist die Gründung einer Plattform für Verständnis und Respekt zwischen der Jugend und den Polizisten als Teil des Volkes.

Foto: Hobskur

Im August reisen Sie zur Realisierung von #StopMurderingAfricanPeople nach Kamerun, um Ende September schon wieder in Deutschland zu sein. Wie sieht hier der Plan für die wenigen Wochen in Kamerun aus?
Die Reise nach Kamerun im September ist nur die erste Phase unseres Projektes. Das gesamte Vorhaben wird sich über einige Jahre erstrecken. Es ist unmöglich, alles in diesen wenigen Wochen zu realisieren. Wir können nicht mit einer einzigen Aktion das repressive Verhalten der Ordnungskräfte korrigieren. Diese Gewaltbereitschaft ist das Erbe ehemaliger Kolonialherren, die die zivile Bevölkerung malträtierte, weil sie sich nicht beugen wollte. Wir wollen die Rolle der Polizei revidieren und neu definieren. Ist es ihre Aufgabe, uns zu beschützen oder uns anzugreifen? Die grundlegende Idee ist die Gründung einer Plattform, auf der sich beide Parteien respektvoll und ohne Druck begegnen können.
In der ersten Projektphase werde ich mit Freunden einen Song aufnehmen und ein Musikvideo drehen. Anschließend organisieren wir einige Fußballturniere, um eine Schnittstelle, einen Treffpunkt für Polizei und zivile Bevölkerung zu schaffen. Ich werde Konzerte geben, da meine künstlerische Arbeit ein wichtiges Werkzeug ist, um so viele Menschen wie möglich in Kamerun und überall auf der Welt zu erreichen. Ich fliege aber auch wegen meiner Arbeit für die Organisation Generation Change nach Kamerun. Als Botschafter soll ich bei der Einweihung neu errichteter Klassenzimmer ein Konzert geben. Wir sind eine Gruppe von Kamerunern, die überall auf der Welt agieren. Unser großes Ziel ist es, unsere Jugend zu mobilisieren und gemeinsam mit ihnen etwas für die Gemeinschaft zu tun. Bis jetzt erhalten wir keine Unterstütztung von außen, sondern entwerfen und verkaufen T-Shirts und geben Konzerte zur Finanzierung der Projekte. Wir sind der Überzeugung, dass die Menschen eigeninitiierte Arbeit zur Verbesserung ihrer Situation weitaus mehr schätzen. Wir wollen von niemandem abhängig sein. Für etwas, was man selbst erschaffen hat, kämpft man bis zum Schluss.

IMG_1646Haben Sie persönliche Erfahrungen gemacht, die sie besonders motiviert haben, sich gegen Polizeitgewalt zu engagieren?
Ich bin selbst in einer sozial schwachen Gegend Doualas aufgewachsen. Dort wird einem tagtäglich vor Augen geführt, dass es für die Jugend keine Perspektive gibt. Nur sehr wenige hatten die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, weil ihre Eltern hart dafür kämpften. Diese Dinge haben sich bis heute nicht verändert. Das System speist sich selbst. Jugendliche, die damals Opfer des Systems waren und vom Polizeiapparat schikaniert wurden, sind nun selbst Polizisten. Einerseits, um gesellschaftlichen Status zu erlangen und zum anderen aus Gründen eines relativ sicheren Einkommens. Dabei sind sie selbst nun in die Rolle des Unterdrückers geraten und üben ihre Macht mit aller Rücksichtlosigkeit aus. Ein Teufelkreis. Mein Ziel ist es, ein Umdenken auf beiden Seiten zu schaffen. Polizisten sind in erster Linie Teil der Gesellschaft und gehören zum Volk. Sie sind keine Marionetten der Regierung. Der zivilen Bevölkerung muss es möglich sein, ihre Meinung frei äußern zu können, ohne dabei Angst vor Polizeigewalt haben zu müssen. Wir müssen Vertrauen schaffen. Das ist es, was mich ermutigt, dieses Projekt zu verwirklichen.

Warum haben Sie gerade das Genre Hip Hop als Medium für die Vermittlung Ihrer Botschaften gewählt?
Wie viele Jugendliche heute unterlag auch ich in den 1990er Jahren dem Einfluss des Hip Hops. Auch wenn es viele verschiedene Musikrichtungen in Kamerun gibt wie zum Beispiel der Makossa, der Ben Skin, Bi Kutsi und viele mehr, der Hip Hop eroberte das Herz von sehr vielen Jugendlichen und stellt wahrscheinlich eine der größten musikalischen Bewegungen der Welt dar. Seit 1999 ist er weit über die Musik hinaus eine Strömung, die alles revolutionierte. Sie ist ein Kommunikationsmittel, ein Kleidungsstil, eine Art sich auszudrücken. Selbst wenn es nicht den persönlichen Geschmack eines jeden trifft, will man heutzutage Gehör finden. Der Hip Hop bietet eine breite künstlerische Vielfalt, die andere Musikrichtungen in Kamerun in den Schatten stellt. Hip Hop ist Musik von der Jugend für die Jugend. Sie wird auch immer mehr bei den älteren Generationen beliebt.

In Ihrer Musik prangern Sie die Unterdrückung der Bevölkerung, die Verletzung der Verfassung und von Menschenrechten in Kamerun an. Gibt es ein öffentliches Bewusstsein für die aktuelle Situation in der kamerunischen Öffentlichkeit und/oder in der deutsch-kamerunischen Diaspora?
Über das politische Bewusstsein der Kameruner kann ich nicht viel sagen. Was ich aber sagen kann ist, dass wir eine allgemeine Ablehnung der Jugend gegenüber der Politik erleben. Und das nicht ohne Grund. Der Präsident sagte eigens: Die Bevölkerung soll sich aus der Politik raushalten. Sie soll die Politik den Politikern und die Schule den Schulkinder überlassen und ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts angehen. Ihre Ansichten werden sie noch das Leben kosten. Wir brauchen uns also nicht wundern, wenn den Jugendlichen beigebracht wird, dass ihre Meinung nichts wert ist und die Wenigen, die den Mut aufbringen, sich gegen die Regierung aufzulehnen, erschossen oder vorgeführt werden wie Straftäter. Wie soll man es dann schaffen, dass diese Jugend Interesse für etwas zeigt, das sie das Leben kosten könnte? Die Auswirkungen des französischen Völkermordes an den Bassa und Bamiléké in Kamerun, der sich zwischen 1957 und 1958 ereignete, ist bis heute noch in den Köpfen der Menschen – kein Elterteil der Welt möchte sein Kind für etwas sterben sehen, was ohnehin keine Zukunft hat.

Sie engagieren sich seit mehr als zehn Jahren musikalisch gegen soziale Ausgrenzung und für politische Aufklärung. Ihr erstes Album „Menace sur ma planète“ wurde 2010 veröffentlicht und kritisiert die politische Situation in Kamerun. Welche Themen behandelten Sie hier im Besonderen
In meiner Single „Je représente“ beziehe ich mich auf das Buch „Pour le libéralisme communautaire“ aus dem Jahr 1987 von Paul Biya. Darin schreibt er „Ein Mann, der mit seiner Regierung Angst und Ignoranz verbreitet, wird keine echte Entwicklung hervorbringen.“ Liberalismus in seiner reinen Form entsteht erst dann, wenn der Mensch sich für seine Freiheit einsetzen kann. Diese wurde jahrelang von einem feudalistischen System verspottet. Beschäftigt man sich mit dem Werk und seinem Diskurs über Härte und Moralisierung näher, ist es unumgänglich sich die Frage zu stellen: Was ist aus der pluralistischen Demokratie geworden? Und was aus der Arbeitskraft zur Schaffung eines sozialen Gleichgewichts und zur Vermeidung von Landflucht? Wichtige Fragen, auf die es schon seit Jahrzehnten keine richtigen Antworten gibt. Besonders, weil die Akteure nur leere Ansprachen liefern.

Wo kann man die von Ihnen angesprochenen Probleme in der Öffentlichkeit beobachten/wie werden diese sichtbar?
Kameruner, die nur begrenzte Mittel zu Verfügung haben, leben in allgegenwärtiger Unsicherheit. Sei es Gesundheit, Bildung, Wohnsituation oder Arbeitsplatz. Nichts ist mehr verlässlich. Selbst wenn die Familie jeden Cent dafür ausgibt, damit die Kinder zur Schule gehen und studieren können. Genau darüber spreche ich in meiner Musik.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hosbskurs Crownfunding-Kampagne gegen Militär- und Polizeigewalt läuft noch bis zum 7. August 2016.

Das Interview führte Monique Meneses.
Übersetzung: Soke Masseme