„Sie haben ihre eigene Identität vergessen“

„Sie haben ihre eigene Identität vergessen“

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Swahili Ally aka Digo ist ein tansanischer Musiker, der die westafrikanische Kora mit traditioneller Digomusik vermischt. Er spielte auf verschiedenen Festivals, wie dem Sauti za Busara and Jazz Festival in Tanzania, dem Doa Doa Festival in Uganda, dem Umoja African Festival in Mozambique und dem Utamu Festival in Kenia. Aktuell tourt er durch Ostafrika und wird in Kürze sein zweites Album veröffentlichen.

Foto: Swahili Ally/Presse

Swahili, du wohnst in Dar es Salaam, dem Mekka der tansanischen Musikszene. Welche Probleme begegnen dir dort als Musiker?
Ich stehe vor verschiedenen Herausforderungen und Probleme. Viele Leute glauben immer noch nicht an die traditionelle Musik. Sie glauben nicht, dass sie gut ist und Aufmerksamkeit verdient. Aber es ist wichtig seine eigene Kultur zu pflegen, denn ein Land ohne eigene Kultur ist nicht frei.

Tansania mangelt es also an eigener Kultur?
Ja! Die kommerzielle Musik hat das gesamte Land übernommen und wir traditionellen Musiker_innen werden außen vor gelassen. Das ist nicht nur bei Musik so: Unserer gesamten eigenen Kultur wird kein Platz geboten.

Foto: Swahili Ally/ Presse
Foto: Swahili Ally/ Presse

Woher kommt diese Entwicklung?
Die jetzige Gesellschaft weiß einfach nichts über erfolgreiche, traditionelle Musiker_innen. Es gibt Legenden unter ihnen wie Tatu Nane, die als einer der ersten im Ausland traditionelle Musik spielten. Und dafür wurden sie geliebt! Heutige junge Musiker_innen kopieren die westliche Musik sehr. Es ist die Musik, die Aufmerksamkeit auf sich zieht und Geld einbringt. Traditionelle lokale Musik gilt als schwer hörbar. Aber wenn die Leute sie mehr hören würden, so würden sie sich daran gewöhnen.

Was kann die Regierung tun, um der traditionellen Musikszene Tansanias auf die Beine zu helfen?
Regierung und Medien müssen wieder eine musikalische Infrastruktur errichten, dann können die Leute ihre eigene Gesellschaft wiederentdecken. Sie müssen Lieder aus früheren Zeiten hören! Und die Regierung muss mehr Musikakademien eröffnen, so dass die Bevölkerung in der Lage ist, traditionelle Musikinstrumente zu erlernen und eigene Musik zu kreieren. Ansonsten wird es schwer werden, denn die Gesellschaft hat ihren Ursprung vergessen. Die Leute haben vergessen, was Teil ihrer eigenen afrikanischen Identität ist. Sie brauchen jetzt Essen, das noch nicht da ist, sie aber unbedingt kennen lernen müssen.

Wie kommt es eigentlich, dass du Kora spielst? Das ist doch ein typisch westafrikanisches Instrument!
Die Kora kommt tatsächlich aus Westafrika. Aber eines Tages traf ich einen europäischen Koraspieler – das inspirierte mich. Ich wollte die Kora spielen können und sie mit meiner eigenen Musik vermischen, weil sie ideal zu meiner eigenen Stimme und meinem Musikstil passt. Hinzu kommt, dass die Digo ursprünglich aus Westafrika kommen, daher habe auch ich Wurzeln in Westafrika. Beigebracht hat sie mir dann schließlich Ebrima Mbye aus Gambia, als wir beide gerade an der Dhow Music Academy waren.

Siehst du dich selbst eigentlich eher als Musiker oder als Geschichtenerzähler?
Ich sehe mich selbst als einen Musiker, der Geschichten erzählt. In meiner Musik rede ich darüber wo wir herkommen, wo wir gerade sind und wohin wir uns begeben werden. Durch die Art und Weise wie ich das mache, versuche ich die Gesellschaft an ihre eigenen Leute zu erinnern und ihr zu zeigen, dass sie auch weiterhin Einfluss ausüben können.

Das Interview führte Daniel Koßmann.

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Ein Beitrag aus der LoNam-Ausgabe 4/2016. Die Einzelausgabe mit vielen anderen Beiträgen ist bestellbar unter: abo(at)lonam(.)de

Texteschreiber und Fotomacher. Freier Journalist. Kunst und Kultur, weil sie Grenzüberschreitungen ermöglichen. Studium der Regionalstudien Asien/Afrika (B.A.) und Afrikawissenschaften (M.A.) mit Ostafrika-Schwerpunkt an der Humboldt-Universität zu Berlin und der University of Nairobi.

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