Sprechen ohne Worte

Sprechen ohne Worte

0 237

Auch nach seinem Tod zählt der ägyptische Regisseur Shadi Abdel Salam als eine der größten Stimmen Ägyptens. Nur ohne Stimme. Denn was seine Filme besonders macht, ist eine Nachricht zu vermitteln und das ohne die Verwendung von Sprache.

Regisseur Shadi Abdel Salam bei der Arbeit Foto: © ALFILM (mit freundlicher Genehmigung)

Beim diesjährigen Arabischen Filmfestival ALFILM in Berlin galt dem 1986 verstorbenen ägyptischen Regisseur Shadi Abdel Salam besondere Aufmerksamkeit. Der gelernte Bühnenbildner, Kostümdesigner und Regisseur wurde im Jahre 1930 in Alexandria geboren. Schon während der Kindheit begeisterte Shadi das Zeichnen, was ihn in seiner Leidenschaft zur Malerei bestärkte. Von seiner Familie konnte er jedoch keine Unterstützung gewinnen, da sie Kunst nicht besonders aufgeschlossen begegneten. In der Bibliothek seines Vaters erhoffte er sich, seine Kenntnisse vertiefen zu können. Allerdings traf er nur auf Geschichtsbücher oder Gesetzesbücher, welche mit ihren realistischen Ansätzen seiner Fantasie gänzlich widersprachen. Die besondere Hingabe zu Kunst und Literatur konnte der ägyptische Regisseur schon im frühen Kindesalter vertiefen. Im Alter von dreizehn Jahren wurde er aufgrund eines abnormal schnellen Wachstums des Herzens bettlägerig. Um seinen monotonen Alltag zu überstehen, widmete er während dieser Zeit dem lesen seine besondere Aufmerksamkeit. Diese zwei Jahre Bettruhe ermöglichten ihm seine Hingabe für Kunst zu festigen und die Literatur für sich zu entdecken.

Shady Abdel Salam (vorn) mit dem polnischen Regisseur Jerzy Kawalerowicz. Foto: © ALFILM (mit freundlicher Genehmigung)
Shady Abdel Salam (vorn) mit dem polnischen Regisseur Jerzy Kawalerowicz. Foto: © ALFILM (mit freundlicher Genehmigung)

Im Fokus seiner Darstellungsweise konzentrierte Abdel Salam sich auf die visuelle Wirkung des Wesens der Dinge. Er lässt in seinen künstlerischen Erzählungen das Bild, Architektur, Licht und Farbe für sich sprechen. Dramatische Handlungen, literarische Erzählungen oder sprachliche Dialoge stellten keine wichtige Komponente seiner Arbeit dar und rückten somit in den Hintergrund. Die Abstraktion, der Moment der Stille, die fließenden Rhythmen und die sinnlichen Bewegungen der Akteure erlauben es dem Zuschauer, sich auf die visuellen Elemente zu konzentrieren und ihre Tiefgründigkeit zu reflektieren. Abdel Salam visionierte, die aufstrebende ägyptische Moderne mit dem Erbe der altägyptischen Hochkultur zu verknüpfen. Seine Intention war nicht ausschließlich der nationalen Gemeinschaftsbildung willen, sondern vor allem zivilisatorischer Bestimmung, die er sich selbst auferlegt hatte. „Ich denke, dass die Bürger Ägyptens die Geschichte unseres Landes ignorieren und ich fühle, dass es meine Aufgabe ist ihnen etwas davon beizubringen. Den Rest lasse ich sie selbst erforschen. Ich sehe das Kino nicht als Konsumkunst, sondern als ein historisches Dokument für die nächsten Generationen“, offenbarte der ägyptische Regisseur vor seinem Tod. In den künstlerischen Werken Shadis, stellte das alte Ägypten mit seinen religiösen Vorstellungen, Mythen und einer ästhetischen Darstellung von Kunst und Architektur die bedeutendste Inspirationsquelle. Seine Ausbildung absolvierte der junge Künstler am Victoria College in Alexandria. Wobei er im weiteren Lebenslauf seinen Traum erfüllen konnte und in England im Jahr 1956 Drama studierte.

Das „World Cinema Project“, welches von Martin Scorsese ins Leben gerufen wurde, restaurierte im Jahr 2009 die beschädigten Filmrollen von „Al Mummia“. Diese Retroperspektive, mit den wichtigsten Kurzfilmen Shadi Abdel Salams wurden den Besucher_innen des Arabischen Filmfestivals in Berlin vorgeführt. Außerdem gewähren sie Einblick in die Zusammenarbeit mit dem angesehenen polnischen Regisseur Jerzy Kawalerowicz und das internationale Umfeld, indem Abdel Salam agierte und welches ihn formte. 1965 verschaffte der polnische Regisseur ihm die Ehre, am Set des Films „Pharao“ als Berater der Kostümentwürfe das Team zu unterstützen. Durch seine hervorragende Leistung ergriff Abdel Salam die Chance, auch selbst Hand hinter der Kamera anlegen zu können. In allen Filmen setzte er sich das Ziel, dass die Charaktere nicht miteinander reden. Das Bild allein soll die Bedeutung des Films vermitteln. Abdel Salams Kurzfilm „Horizons“, verkörpert in vollkommender Stille ein Panorama zeitgenössischer künstlerischer Aktivitäten in Ägypten, einem Land geprägt von Musik und Ballett bis hin zu Drama. Trotz zwölf Jahren intensiver Vorbereitung konnte das größte Projekt der „Akhenaton“ nie verwirklicht werden. Der Film scheiterte aufgrund fehlender finanzieller Mitteln und das, obwohl Abdel Salam großzügige Angebote von ausländischen Produzenten erhielt. Allerdings kam für ihn eine Finanzierung von außen nicht in Frage. Er war der festen Überzeugung, dass der Film vollkommen ägyptisch sein müsse. Sein erfolgreichster und einziger vollständiger Langspielfilm The Night of Counting the Years (Al-Mummia) machte Shadi Abdel Salam zu einem der renommiertesten Namen der Geschichte des ägyptischen Films. Er wird bis dato, als der beste ägyptische Film aller Zeiten betrachtet. Zu Ehren seiner Person ernannte die Bibliothek in Abdel Salam Geburtsstätte Alexandria, eine Halle nach dem ägyptischen Regisseur. Bis heute ist die Dauerausstellung über seine gesammelten Werke in ihren Räumlichkeiten zu besichtigen.

Jana Hansen

titel_lonam_juni2017Ein Beitrag aus der LoNam-Ausgabe 3/2017 mit dem Schwerpunkt „Afrocuisine – Wieviel Afrika steckt in unserem Essen?“.

Die Einzelausgabe mit vielen anderen Beiträgen ist bestellbar unter: abo(at)lonam(.)de

Ähnliche Beiträge