Offizielle Stellungnahme zum Völkermord in Namibia bleibt aus

Offizielle Stellungnahme zum Völkermord in Namibia bleibt aus

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Im Zuge der Diskussionen um den Völkermord an den Armeniern vor über hundert Jahren im Osmanischen Reich rückte die deutsche Kolonialvergangenheit im April erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. Doch eine offizielle Stellungnahme bezüglich des Völkermordes in Namibia blieb während des Staatsbesuches von Bundestagspräsident Norbert Lammert erneut aus.

Foto: Surviving Herero after the escape through the arid desert of Omaheke in German South-West Africa (modern day Namibia). CCO Public Domain

Die Vertreibung und anschließende Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich vor über hundert Jahren wurde von Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundespräsident Joachim Gauck im April als Völkermord bezeichnet. Durch die indirekte Unterstützung des deutschen Reiches gelangte das Thema im April 2015 in die deutsche Öffentlichkeit und entfachte ebenfalls die Debatte um das Verhalten der Deutschen in Namibia.

In einem Gastbeitrag „Deutsche ohne Gnade“ in der Wochenzeitung Die Zeit bezeichnete Norbert Lammert – als erster deutscher Spitzenpolitiker – aber auch die Verbrechen der deutschen Kolonialregierung an den Nama und Herero als Völkermord.

„An den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen war die Niederschlagung des Herero-Aufstandes ein Völkermord.“

Norbert Lammert in Die Zeit

Während des Kolonialkrieges von 1904 bis 1908 ließ die deutsche Regierung mindestens 65.000 Herero und 10.000 Nama systematisch ermorden. Diese Verbrechen wurden allerdings bisher nicht offiziell anerkannt. Nach Argumentation der Bundesregierung handelt es sich nicht um einen Völkermord, da dieser Tatbestand erst 1948 durch die Vereinten Nationen eingeführt wurde. Weder auf politischer noch auf gesellschaftlicher Ebene wurden die Geschehnisse in Deutschland aufgearbeitet. Lediglich durch zivilgesellschaftliche Initiativen wie dem NGO–Bündnis Völkermord verjährt nicht, gelangt das Thema vereinzelt an die Öffentlichkeit.

In Namibia hingegen gibt es zahlreiche Organisationen und Initativen, die seit Jahren eine offizielle Anerkennung des Völkermordes durch die Bundesregierung fordern. Diese Forderungen sind nicht unberechtigt, da – neben den Kriegshandlungen – die Ausrottung der namibischen Herero und Nama durch den deutschen General Lothar von Trotha geplant und zum großen Teil auch ausgeführt wurde. Laut Dr. Wolfram Hartman von der University of Namibia, sorgte „das deutsche Militär effizient dafür, dass den Nama und Herero der Zugang zu Wasser verwehrt wurde. Dies ist eine auf die totale Vernichtung ausgelegte Strategie gewesen.“

Durch den Besuch von Norbert Lammert in Namibia verganene Woche, erhofften sich Herero- und Nama-Gruppen eine offizielle Stellungnahme. Diese blieb allerdings aus. Während die deutschsprachige Allgemeine Zeitung Namibias allein den Besuch als positives Zeichen und klare Botschaft betitelt, herrscht auf Seiten der Herero-und Nama-Organisationen und Initiativen Ernüchterung. Lediglich als Privatperson sprach Lammert erneut von einem Völkermord.

Auf Regierungsebene finden seit 2014 Verhandlungen bezüglich der Bestimmung als Völkermord und etwaiger Entschädigungszahlungen statt. Grundlegend lehnt die Bundesregierung aber eine offizielle Entschuldigung ab, da sonst das Recht auf Entschädigung entstehen würde.

Thomas Beutler

Foto: Surviving Herero after the escape through the arid desert of Omaheke in German South-West Africa (modern day Namibia). CCO Public Domain