Amanal Petros – Deutscher Rekordhalter auf Erfolgskurs – Teil 2

Amanal Petros – Deutscher Rekordhalter auf Erfolgskurs – Teil 2

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In unserer aktuellen LoNam-Ausgabe stellen wir Ihnen im Sport-Teil den afrodeutschen Leichtathleten Amanal Petros vor, der seit seinem Ankommen in Deutschland vor ein paar Jahren eine beachtliche Karriere vorweisen kann. Konnten Sie in dem Artikel unserer neuen Ausgabe etwas über seinen frühen Werdegang erfahren, möchten wir nun im zweiten Teil dazu seine Leistung im Dezember letzten Jahres hervorheben, bei dem ihm ein besonderes Highlight gelang - er knackte den deutschen Rekord im Marathon, der eigentlich gar nicht seine Standarddisziplin ist und verbesserte ihn um eine Minute!

Foto: Stefan Brending / Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-3.0 de

Bei dem Marathon in Valencia am 6. Dezember läuft Petros mit einer Zeit von 2:07:18 ins Ziel und ist somit um 1:15 Minuten schneller als der bisherige Rekordhalter Arne Gabius. Petros stellt damit einen neuen, deutschen Rekord auf – und das bei seinem zweiten Marathon überhaupt. Dabei hatte er ursprünglich eigentlich nur vor, den Halbmarathon mit einer Zwischenzeit von 65 Minuten mitzulaufen und auf den letzten zehn Kilometern noch einmal zuzulegen an Tempo. Doch Probleme mit seiner GPS-Uhr, die anzeigt, wie schnell man auf den Kilometern ist, bringen Petros auf eine andere Strecke, da er nicht genau weiß, mit was für einem Tempo er die ersten Kilometer absolvierte. Dadurch verwechselt er die Pacemaker, die Hilfestellung geben, das anvisierte Tempo zu laufen: „Ich bin dann sechs Kilometer mit dem falschen Pacemaker gelaufen und dann konnte ich auch nicht mehr umkehren.“ Er sei dadurch mit einer anderen Gruppe mitgelaufen, da er sich gut fühlte, erzählt Petros später. Dies war in Hinblick auf den späteren Rekord sein großes Glück, wie er im Nachhinein analysiert: „ Nach einigen Kilometern merkte ich, dass das doch ein ziemlich schnelles Tempo ist, und erkundigte mich bei einem Begleit-Motorradfahrer. So habe ich erfahren, dass ich in der Gruppe für eine 2:06-Zeit laufe. Inzwischen waren schon fünf Kilometer gelaufen und ich entschloss mich, weiter in der Gruppe zu bleiben. Die drei Tempomacher waren super, sie haben uns vor dem Wind geschützt und dann später sogar bis 35 statt 30 Kilometer Tempo gemacht.“ Mit der neuen Bestzeit kommt er schließlich ins Ziel gelaufen.

Sein Trainer Tono Kirschbaum, welcher mit Petros bei seinem neuen Verein TV Wattenscheid 01 zusammenarbeitet, berichtete stolz: „Das war sehr couragiert, als ich die Zwischenzeit gesehen hab, war ich kurz vor dem Herzstillstand. Ich dachte: Au weia – wie will er das durchhalten? Dazu war es sehr windig – aber Aman konnte sich gut in einem Pulk halten. Er ist sowieso ein Typ, der, wenn es rollt, sich nicht scheut, Risiko zu gehen.“ Mit dieser Bestzeit hat Amanal es nun sogar in die Bestenliste des Deutschen Leichtathletikverbandes geschafft.

Es kommt Anerkennung von vielen Seiten; auch Arne Gabius, der bisherige Rekordhalter, beschreibt den 14 Jahre jüngeren Amanal Petros als Topläufer mit „unheimlich großem Talent“. Weiter sagte Gabius der deutschen Presse-Agentur, dass Petros seine Chance genutzt habe und sich in den nächsten Jahren noch verbessern werde, da er ein super Niveau habe.

Dass diese Leistung möglich war, liege auch an der Unterstützung, die er bekommt, räumt Petros in einem der Blogbeiträge auf seiner Website bescheiden ein. Am 6. Dezember 2020 bedankt er sich bei seinen Trainern: „Herzlichen Dank für Eure Unterstützung. Ihr wart immer für mich da. Eure Motivation war eine große Hilfe. Besonderen Dank an meinen Trainer Tono Kirschbaum und Co-Trainer Thomas Heidbreder (…) Ihr seid für mich wie eine Familie. Ich hätte nicht erwartet, dass ich so schnell laufen würde (…), bin aber sehr froh, dass ich dieses Ziel erreicht habe.“

Auch zu den Umständen in Äthiopien, wo er aufwuchs, und im Speziellen zu seiner Familie, die dort noch lebt, verfasst der Gewinner drei Tage vor dem Marathon ein Statement und spricht auch nach seinem Erfolg über die Ereignisse in seiner alten Heimat. In dem Text positioniert er sich deutlich und zeigt sich erschüttert über die aktuellen Entwicklungen in der Region, in der er selbst gelebt hat. Man merkt, dass dies ein Thema ist, was ihn sehr beschäftigt und worauf er aufmerksam machen möchte. Es sei sehr traurig, was gerade in Äthiopien passiert, die Region Tigray sei ein Gefängnis – geschlossene Grenzen, keine Lebensmittel, kein Internet. Unter diesen Umständen leide auch der Kontakt zu seinen Verwandten: Er erreiche seine Familie – seine Mutter sowie seine 21-, und 23-jährigen Schwestern -, die in einem Dorf rund 42 Kilometer von Mekele entfernt lebt, seit vier Wochen nicht. Er sei es jedoch gewöhnt, alle drei Tage über das Internet und Facebook mit ihnen zu kommunizieren und zu telefonieren. Petros sieht die äthiopische Regierung einen Krieg gegen seine Heimatregion Tigray führen: „Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed ist meines Erachtens für den Tod vieler unschuldiger Zivilisten in Tigray verantwortlich.“ Trotz der ganzen Unsicherheit wollte er sich jedoch dem Marathon stellen: „Mit dieser Ungewissheit, ob es meine Familie und Freunde gut geht, werde ich am Sonntag in Valencia meinen zweiten Marathon laufen. Ich werde sehr mutig laufen und an meine Leute denken, die ohne Grund gestorben und geflüchtet sind.“ So tut er es dann auch und spricht später davon, dass er noch mehr Willen gehabt habe bei diesem Rennen, weil er ständig an diese Situation denken musste.

Dieser Wille hat sich augenscheinlich ausgezahlt, und Petros hat mit einer beeindruckenden Leistung bewiesen, was ihn ihm steckt. Es bleibt zu hoffen, dass er wieder Kontakt zu seiner Familie bekommen kann, sich die politische Lage in Äthiopien zum Positiven wendet und somit die Sorgen um das Land und seine Verwandten nicht überwiegen. Eine eingehende Darstellung des Konflikts in der Region finden Sie in unserer aktuellen Print-Ausgabe.

Fragt man Petros, wie seine Pläne für die Zukunft aussehen, so steht für ihn fest, dass er sich erst einmal auf Straßen-Wettkämpfe konzentrieren will; Rennen auf der Bahn schließt er jedoch nicht kategorisch aus. Hierbei komme es auf die jeweiligen Ziele an – bei Wettkämpfen auf der Bahn möchte er versuchen, seine Bestzeiten auf 3.000 sowie 10.000 Metern zu verbessern. Die Straßenrennen sind für ihn jedoch eine gute Möglichkeit, seine Marathonfähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Eines seiner größten Ziele – und dies teilt er sich mit seinem Vorgänger im Rekord, Arne Gabius – ist es jedoch, bei den nachgeholten Olympischen Spielen 2021 in Tokio mitzulaufen, die vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 stattfinden sollen. Petros hofft darauf, dort unter die Top 15 bis Top 20 der Teilnehmenden kommen zu können. Doch seinen größten Traum hat er sich schon erfüllen können: „Der große Traum, das war eigentlich immer der deutsche Marathon-Rekord. Dass ich den jetzt schon gebrochen habe, muss ich erst einmal richtig realisieren.“

Ronja Göttlicher