„Runter vom Ross, Herr Parzinger!“

„Runter vom Ross, Herr Parzinger!“

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Ein Debattenbeitrag von Mnyaka Sururu Mboro & Christian Kopp von Berlin Postkolonial.

Foto: Berlin Postkolonial

Am 25. Januar 2018 hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Hermann Parzinger, in der FAZ mit seinem Artikel „Wem gehört die Kunst der Kolonialzeit?“ (online- Titel: „Bauen wir Museen in Afrika!“) u.a. auf einen von uns verfassten Offenen Brief an die Bundeskanzlerin reagiert. Wir haben Angela Merkel darin aufgefordert, sich zu der vom Französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron angekündigten Rückgabe von menschlichen Gebeinen und Kulturschätzen aus der Kolonialzeit nach Afrika zu positionieren. Als Initiatoren des von Hermann Parzinger kritisierten Schreibens sehen wir uns in der Pflicht, hier energisch gegen seine Herabsetzung der Unterzeichnenden dieses Briefes zu protestieren. Den Gründungsintendanten des Humboldt Forums machen wir darauf aufmerksam, dass Arroganz das wohl unerträglichste Erbe des Kolonialismus ist.

Unser Offener Brief an die Bundeskanzlerin ist bislang von über 60 in- und ausländischen Organisationen, Verbänden und Institutionen unterzeichnet worden. Darunter befindet sich die traditionsreiche Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, das Netzwerk Migrantenorganisationen Brandenburg, die Hunderte von Mitgliedsvereinen vertretenden entwicklungspolitischen Dachverbände verschiedener Bundesländer, das Institut für Kunst im Kontext der Universität der Künste Berlin und das Holocaust Memorial & Tolerance Center in Glen Cove, New York. Nicht zuletzt hat auch die OvaHerero Genocide Foundation unterschrieben, welche die Nachfahren der Opfer des Völkermords 1904-08 in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ repräsentiert. Getragen wird die Initiative von mehr als 150 Persönlichkeiten. Mit dabei: die weltbekannte Künstlerin Hito Steyerl, die stellvertretende SPD-Parteivorsitzende Eva Högl, die Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodoua Otoo, die in Innsbruck lehrende Postkolonialismus-Expertin Nikita Dhawan, der südafrikanische Historiker und Direktor des African Programme in Museum and Heritage Studies Ciraj Rassool und Hon. Ida Hoffmann, die ehrwürdige Nama-Vertreterin und Abgeordnete im namibischen Parlament.

Angesichts dieser versammelten Prominenz und Expertise befremdet uns Hermann Parzingers despektierliche Beschreibung der Unterzeichnenden als „Afrika-Initiativen und Aktivisten unterschiedlichster Couleur“ – zumal er es dabei nicht bewenden lässt. So attestiert der Prähistoriker den Unterstützenden ein fehlendes Verständnis von der „Komplexität von Provenienzforschung“, Ignoranz gegenüber „der Vielfalt der Erwerbungsgeschichten“ in ethnologischen Museen und sogar „Populismus“, da sie die „Bestände völkerkundlicher Museen samt und sonders als Raubgut“ bezeichnen würden. Dabei taucht diese Formulierung in unserem Schreiben an die Bundeskanzlerin überhaupt nicht auf. Von den gesamten Beständen der ethnografischen Museen ist erst recht nicht die Rede – außer bei Hermann Parzinger, der sich mit seiner Unterstellung selbst der populistischen Panikmache verdächtig macht.

Einher geht diese Diffamierung mit einem Selbstlob für die vermeintlichen Erfolge der seit 2008 von ihm geleiteten Stiftung auf dem Feld der Provenienzforschung, die – natürlich – zur „DNA des Humboldt Forums“ gehöre. Doch ist es nicht vielmehr so, dass er sich in all diesen Jahren mehr um die Rückgabe deutschen Kulturguts aus russischen Museen als um die Suche nach und Restitution von gewaltsam angeeigneten Kulturschätzen und menschlichen Überresten in seinen eigenen Hallen bemüht hat? Hat er als Chef der Stiftung mit einem Jahresetat von 195 Millionen Euro systematische Provenienzforschung nicht erst vor wenigen Monaten über kleine Drittmittelprojekte beginnen lassen und diese sträfliche Vernachlässigung über Jahre hinweg bedauernd als eine „Frage der Ressourcen“ bezeichnet? Wie kann man sich noch des Eindrucks erwehren, dass der Weltöffentlichkeit möglichst verborgen bleiben soll, welche, wie viele und genau woher Kult- und Kunstgegenstände sowie menschliche Gebeine unter Anwendung realer und symbolischer Gewalt, durch List oder Betrug in die Berliner Sammlungen gelangt sind?

Wir haben die SPK in den letzten fünf Jahren regelmäßig darauf hingewiesen, dass sich im noch immer unaufgearbeiteten Aktenbestand des Ethnologischen Museums Eingangsvermerke für ganze Sammlungen aus allen ehemals deutschen Kolonien finden lassen, die als „Kriegsbeute“, „Schädel“ und „Skelette“ deklariert sind: keine Reaktion. Wir haben vor Hermann Parzingers Dienst-Villa für die Herausgabe der afrikanischen Ahnen an die Nachfahren demonstriert: da schnaufte der Stiftungsriese nur kurz. Nachdem wir mit dem TV-Journalisten Markus Frenzel konkrete Belege für das Vorhandensein von fast 1.000 menschlichen Schädeln und Skeletten aus Ruanda und Tansania im SPK-Depot in die breitere Öffentlichkeit trugen, drehte er sich aufs andere Ohr. Selbst als der Preußenstiftung bezüglich der Provenienzforschung im Sommer 2017 sehr nachdrücklich Trägheit vorgeworfen wurde, murmelte das sich schlafend stellende Mammut nur etwas wie: „Thema fürs Sommerloch“. Wachgeworden ist es dabei jedenfalls nicht. Denn sonst hätte die SPK im Oktober letzten Jahres im Bodemuseum mit „unvergleichlich“ nicht erneut eine Ausstellung eröffnet, in der Benin Bronzen und andere geraubte afrikanische Heiligtümer ausgestellt werden, deren brutale Erwerbsgeschichten noch immer nicht thematisiert und deren beraubte Herkunftsgesellschaften noch immer nicht um ihr Einverständnis gebeten worden sind.

Ist die SPK nun wenigstens nach Emmanuel Macrons bahnbrechender Initiative alarmiert? Wird jetzt hier in Berlin endlich eine transnationale Task Force zur Provenienzrecherche zusammengestellt? Wird es die Herkunft der ca. 8.000 menschlichen Gebeine aus aller Welt in den SPK-Lagern klären, sodass sie schnellstmöglich an die jeweiligen Herkunftsgemeinschaften zur Bestattung zurückgegeben werden können? Wird dann im Fundus zuerst zielgerichtet nach Objekten aus einem kolonialem Unrechtskontext gesucht, um möglichst bald schon erste Restitutionen anbieten zu können? Ja wird dieser Bestand, der in Teilen noch immer in den originalen Lieferkisten aus dem 19. Jahrhundert liegt, überhaupt erst einmal komplett ausgepackt und inventarisiert? Statt das Problem hochzudelegieren und nach gesamteuropäischen Leitlinien sowie nach einer UNESCO- Konferenz zu rufen, sollte Hermann Parzinger zuerst einmal hier vor Ort seine „Hausaufgaben“ machen.

Hermann Parzingers Beitrag macht deutlich, dass der Stiftungspräsident gar keine Vorstellung von der historischen Verantwortung hat, die auf seinen Schultern liegt. Wieviel postkolonialer Hochmut und wieviel Stumpfheit spricht daraus, dass der „plaudernde Papst“ (Tagesspiegel) es für eine „große Geste“ hielte, wenn Deutschland gemeinsam mit anderen früheren Kolonialmächten den Menschen in Afrika mal eben das „eine oder andere Museum“ in die Landschaft setzten würde, um das sie gar nicht gebeten haben? Wie zynisch ist es, den Nachfahren der Kolonisierten, Vergewaltigten und Bestohlenen die Königsbüsten, Masken, Götterstatuen, Throne und Zepter ihrer eigenen Vorfahren vorerst als „Leihgaben“ in Aussicht zu stellen? Hermann Parzinger würde seiner Verantwortung gerecht werden, wenn er die von ihm geleiteten Museen hier in Berlin konsequent dekolonisierte und ihre Sammlungen transparent machen würde. Der SPK-Chef würde seiner Verantwortung an dem Tag nachkommen, an dem er demütig sein Haupt senkt und um Verzeihung dafür bittet, dass die seit zehn Jahren unter seiner Leitung stehenden Einrichtungen die Früchte kolonialer Habgier noch immer stur und beharrlich als
„preußischen Kulturbesitz“ verteidigen.

Autoren: Mnyaka Sururu Mboro, Christian Kopp von Berlin Postkolonial

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