„Dekolonisierung des Denkens“ vorgestellt

„Dekolonisierung des Denkens“ vorgestellt

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Die Essaysammlung „Decolonising the Mind" des kenianischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Ngugi wa Thiong’o liegt nun endlich auch auf Deutsch vor. Endlich, denn auf Englisch erschien das Buch schon vor 30 Jahren. Es wurde zum Klassiker des postkolonialen Denkens in Afrika.

Ngugi wa ThiongÕo. Foto: Daniel Anderson

Auf Deutsch veröffentlichte das Buch der Unrast Verlag, Münster, im Herbst 2017 in der Übersetzung von Thomas Brückner unter dem Titel „Dekolonisierung des Denkens“. Die Übersetzung wurde gefördert von der Stiftung Umwelt und Entwicklung des Landes Nordrhein-Westfalen. Herausgegeben wurde sie von stimmenafrikas/Allerweltshaus Köln e.V. und von der Afrika Kooperative Münster e.V.. Die deutsche Fassung enthält zusätzlich Beiträge der afrikanischen Autor*innen Boubacar Boris Diop, Achille Mbembe, Petina Gappah, Sonwabiso Ngcowa und Mukoma wa Ngũgĩ. Sie setzen sich mit Ngũgĩs Texten aus der heutigen Perspektive auseinander.

In „Dekolonisierung des Denkens“ zeigt Ngugi wa Thiong’o, wie der europäische Kolonialismus verknüpft ist mit der Unterdrückung afrikanischer Sprachen und Kulturen weit über das Ende der politischen Kolonialherrschaft hinaus: „Die Gewehrkugel war Mittel der physischen Unterwerfung,“ schreibt Ngugi. „Die Sprache war Werkzeug der geistigen Unterwerfung“.

Europas Sprachen, sein Blick auf Geschichte und Gegenwart beeinflussen das afrikanische Selbstverständnis bis heute. Ngugi fordert die Verwendung afrikanischer Sprachen in Schule und Universität, in Wissenschaft und Literatur. Dies ist für ihn ein wesentliches Mittel zur Befreiung von kolonialen Herrschafts- und Denkstrukturen dar.

Sprache ist die Basis für die kognitive, kulturelle und soziale Selbstverwirklichung des Einzelnen und für die Herausbildung und den Erhalt der Identität von sozialen und kulturellen Gruppen. Sprache berührt daher fundamentale Menschenrechte. Ngũgĩ wa Thiong’o, der zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn auf Englisch schrieb, entschied sich daher, in den 1980er Jahren, seine literarischen Texte in seiner Muttersprache Gĩkũyũ zu verfassen.

Foto: Afrika-Kooperative Münster e.V.
Foto: Afrika-Kooperative Münster e.V.

Anlässlich des 69. Internationalen Tages der Menschenrechte wurde das Buch im Dezember 2017 in Münster und in Köln vorgestellt und mit Dr. Lizzy Attree und Dr. Rémi Tchokothe diskutiert. In Münster las der Schauspieler Markus von Hagen Textauszüge, in Köln der Künstlerische Leiter des africologneFESTIVAL, Gerhardt Haag. Die Moderation der Veranstaltung übernahm in Münster Prof. Dr. Mark Stein, in Köln Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst.

Lizzy Attree, Direktorin des „Caine Prize for African Writing“, vermittelte anschaulich, wie stark ihr die Lektüre von Ngũgĩs Essays die Bedeutung afrikanischer Sprachen für die Identität, Bildung und Entwicklung bewusst machte und ihren beruflichen Werdegang beeinflusste. Ihr ist bewusst, dass der „Caine Prize for Africa Writing“ insbesondere das Schreiben in englischer Sprache fördert. Sie wies deshalb darauf hin, dass das Mittel der Übersetzung wichtig sei und der Preisträger des Jahres 2017 Bushra al-Fadil aus dem Sudan mit einer ursprünglich auf Arabisch geschriebenen Kurzgeschichte den Caine Prize gewann. Zur Förderung der Literatur in afrikanischen Sprachen initiierte sie zudem im Jahr 2014 gemeinsam mit Mukoma wa Ngũgĩ, einen Preis für Literatur auf Kiswahili, den Mabati Cornell Kiswahili Prize for African Literature.

Rémi Tchokothe, Sprachwissenschaftler an der Universität Bayreuth, erläuterte, dass afrikanische Kinder in der Schule nicht nur mit den fremden Sprachen früherer Kolonialherren konfrontiert würden, sondern auch mit fremden Inhalten: So musste er in seiner Schulzeit in Kamerun Gedichte auf Französisch über Schnee lernen, ohne überhaupt eine Vorstellung von Schnee zu haben. Ähnlich ergehe es afrikanischen Kindern in Unterrichtsfächern wie Geschichte oder Geografie, die von Lehrinhalten der ehemaligen Kolonialherren geprägt seien. Ihr Land und dessen Vergangenheit spielten dagegen kaum eine Rolle. Ein wichtiger Aspekt war Rémi Tchokothe unter dem Gesichtspunkt der Menschenrechte auch die „Teilhabe“: Die überwiegende Verwendung der ehemaligen Kolonialsprachen als Amtssprachen schließe viele Menschen in afrikanischen Ländern von Informationen aus, sie könnten folglich nicht an der Meinungsbildung teilhaben.

Foto: Afrika-Kooperative Münster e.V.
Foto: Afrika-Kooperative Münster e.V.

Im Gespräch mit dem Publikum zeigten sich viele Teilnehmende überrascht von den Folgen der Unterdrückung afrikanischer Sprachen. Sie waren erstaunt, welche Bedeutung sie für die Kommunikation in afrikanischen Ländern haben. Selbst Sprachen wie Kiswahili mit etwa 100 Millionen Sprecher*innen werden in Deutschland kaum wahrgenommen. Fragen und Beiträge aus dem Publikum lassen darauf schließen, dass die Veranstaltungen und die Buchlektüre dazu beitragen, eigene und fremde Sichtweisen zu reflektieren. Nach diesen ersten Erfahrungen in Münster und Köln scheint es gewiss, dass weitere Präsentationen des Buches und Diskussionen eine differenziertere Meinungsbildung über die politischen und kulturellen Entwicklungen in den Ländern Afrikas nachhaltig unterstützen werden. Die nächste Vorstellung des Buches „Dekolonisierung des Denkens“ findet in Berlin am 28. April 2018 statt.

Das Afrika Festival in Münster vom 7. bis zum 17. Juni 2018 wird sich dem Thema „Afrikanische Sprachen“ widmen. Als Ehrengast beteiligt sich auch Ngũgĩ wa Thiong’o an den Diskussionen.

Autorin: Anna Stelthove-Fend

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