Ein Jahr nach Hanau – Gedenken und Gespräche

Ein Jahr nach Hanau – Gedenken und Gespräche

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Foto: Lumpeseggl / wikimedia, Creative Commons

Diese Woche, am 19. Februar, jährt sich das Attentat von Hanau, bei dem insgesamt zehn Menschen starben. Es reihte sich ein in die steigende Zahl radikalisierter, rassistischer Gewaltakte, zu denen auch der Mord an Walter Lübcke und das Attentat von Halle gehörten.

Der Bedarf, über Rassismus und seine bis hin zu Mord reichenden Konsequenzen zu sprechen, ist bis heute alles andere als gesunken. Auch der Hanauer Jahrestag regt dazu an, wieder ins Gespräch zu kommen, gemeinsam nachzudenken, wie mit dem „Gift“, als welches Angela Merkel nach dem Hanauer Anschlag den Rassismus bezeichnete, umgegangen werden soll, wie wir gemeinschaftlich und gesellschaftlich seine Wirkkraft schwächen können.

Schon heute Abend findet bei der Heinrich-Böll-Stiftung eine Diskussion darüber mit Stephan J. Kramer, dem Präsidenten des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen, und Dr. Mehmet Daimagüler, Strafverteidiger und Vertreter zweier Opferfamilien im NSU-Verfahren, statt. „Wir wissen von radikalisierten und bewaffneten extremistischen Netzwerken im Land und mussten erfahren, wie rassistische und rechtsextreme Strukturen auch in Sicherheitsbehörden hineinreichen. Hat die rechte Terrorserie von Kassel, Halle und Hanau endlich, neun Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU, für ein Umdenken in Staat und Gesellschaft gesorgt?“ Wen diese Frage ebenfalls interessiert, sollte bei der Podiumsdiskussion heute Abend online dabei sein, oder den Beitrag von Mehmet Daimagüler auf der Seite Heimatkunde nachlesen.

Die Angehörigen und Überlebenden des Anschlags selbst erinnern in einem Video mit dem Titel „Wir klagen an!“ an ihre Erlebnisse und fordern Konsequenzen von Seiten der Behörden und der Politik. Viele von ihnen kritisieren zudem das Verhalten der damals involvierten Sicherheitskräfte. Insgesamt müsse Deutschland sehr viel entschlossener dem so offensichtlich vorhandenen Rassismus entgegentreten.

Auch das Interkulturelle Zentrum Heidelberg will anlässlich des Jahrestages an die inzwischen so zahlreichen Opfer rechter Gewalt seit 1945 erinnern. Mit einer Plakataktion wird im gesamten Stadtbild ihre Vielzahl sichtbar. Gezeigt wird ein Plakat aus dem Buch „Kein Vergessen“ von Thomas Billstein, welches im Oktober 2020 im Unrast Verlag erschienen ist. Zu sehen sind darauf die Gesichter von über 300 Menschen, die nach 1945 aus rassistischen, antisemitischen, antiziganistischen und sozialdarwinistischen Motiven von Rechtsextremist*innen getötet wurden. Finden werdet Ihr die Plakate noch bis zum 24. Februar.

Nicht zuletzt finden aber auch am eigentlichen Jahrestag morgen zahlreiche Gedenkveranstaltungen im digitalen sowie öffentlichen Raum statt. Organisationen aus Hessen und ganz Deutschland rufen dazu auf, sich dem Gedenken solidarisch anzuschließen und vor allem, selbst entschiedenen gegen Rassismus und Rechtsextremismus einzustehen. „Denn für Betroffene ist Hanau potenziell immer (noch) und überall“, sagte der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Atila Karabörklü. Rechtsextremismus und Rassismus würden auf politischer Ebene mittlerweile zwar ernster genommen – aber längst nicht ernst genug.
In Hanau selbst findet eine Gedenkfeier mit insgesamt 50 geladenen Gästen statt, die vor Betreten der Räumlichkeiten einen negativen Corona-Test vorweisen müssen. Der Oberbürgermeister Claus Kaminsky betonte, dass es „richtig und wichtig ist, mit einer Gedenkfeier den ersten Jahrestag zu begehen“. Die Angehörigen der neun Opfer hätten einen Anspruch darauf, die Solidarität der Stadtgesellschaft zu erleben und zu spüren, und das Schicksal der Ermordeten werde „auf alle Zeiten im kollektiven Gedächtnis der Stadtgesellschaft verankert bleiben“.

In Weimar werden am 19. Februar von 18 bis 21 Uhr Portraits der Opfer von Hanau, also von Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin an die Fassade des Kasseturms projiziert.

Öffentliche Gedenkveranstaltungen finden außerdem in Berlin statt am 19. Februar 2021 ab 16 Uhr:
* Rathausplatz, Neukölln
* Oranienplatz, Kreuzberg
* Leopoldplatz, Wedding

Am 20. Februar 2021 soll in einer antifaschistischen Demo das Gedenken und die Bewusstmachung der rassistischen Problematik unserer Gesellschaft fortgeführt werden, um 14 Uhr ab S-Bhf Hermannstraße.

J. Bittermann