Ellen Johnson-Sirleaf – ein feministischer Rückblick

Ellen Johnson-Sirleaf – ein feministischer Rückblick

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2018 gibt Afrikas erste demokratisch gewählte Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf ihr Amt nach 12 Jahren ab. Besonders der sogenannten Westen lobpreiste die 79-Jährige für ihren Einsatz um die Rechte und die Sicherheit von Frauen, doch kritische Stimmen aus Liberia werden immer lauter.

Foto: President Jacob Zuma hosts President Ellen Johnson Sirleaf of Liberia by GovernmentZA, flickr. CC BY-ND 2.0

Als Ellen Johnson-Sirleaf 2005 das Amt der Präsidentin übernimmt, lasten enorme Erwartungen auf ihr: Der 14-jährige Bürgerkrieg hat nicht nur mehr als 250.000 Menschen das Leben gekostet und ein Drittel der Bevölkerung heimatlos werden lassen; eine ganze Generation wurde zu Kindersoldaten ausgebildet und circa 70 Prozent aller Frauen sind Opfer von Vergewaltigungen geworden. 2005 gilt Sirleaf vor allem für die Frauen ihres Landes als große Hoffnungsträgerin. In ihren Kampagnen verspricht sie ihren Landsfrauen Schutz und stärkere gesellschaftliche Teilhabe. Anders als ihre männlichen Vorgänger handelt es sich bei Sirleaf um eine starke Persönlichkeit, die nicht aus der traditionell kreolischen Führungsschicht stammt.

Sirleaf schafft es in ihrer Amtszeit, dass internationale Vertrauen an Liberia stärken, zieht zahlreiche Investments an Land. Das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt verdreifacht sich. Sie richtet eine nationale Versöhnungskommision ein, reformiert den berüchtigten Diamatenhandel und macht den Schulbesuch für alle Kinder kostenlos und zur Pflicht. Unbestritten erreicht Sirleaf mit ihren Maßnahmen Frieden und Sicherheit zu etablieren, doch inwiefern arbeitete sie an einer Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann?

Internationale Anerkennung: der Friedensnobelpreis

Für ihren gewaltlosen Kampf für die Verbreitung und Durchsetzung der Frauenrechte in ihrem Land erhält Sirleaf 2011 eine der höchsten internationalen Anerkennungen: den Friedensnobelpreis. Besonders betont werden ihre Erfolge in der uneingeschränkten Beteiligung der liberischen Frauen an friedensschaffenden Maßnahmen. Westliche Medien glorifizieren Sirleaf daraufhin als feministische Ikone.

Tatsächlich setzt sie eines der umfassendsten Anti-Vergewaltigungsgesetze der Welt durch und entwickelt außerdem ein effizientes Arbeitsbeschaffungsprojekt für Frauen im Einzelhandel. Weil viele Frauen auf den Märkten des Landes arbeiten, stellen diese eine essentielle Einnahmequelle sie dar. Viele Märkte sind während des Bürgerkrieges vollständig zerstört worden. Sirleaf startete daraufhin eine Kampange zum Wiederaufbau. Dennoch ist die Begeisterung über die Auszeichnung der Nobelpreisjury im Ausland deutlich stärker als im Inland. Feministinnen wie die Liberianerin Korto Reeves Williams vertreten die Meinung, Sirleaf habe zu wenig und zu spät für ihr Empowerment getan. Während ihrer Legislaturperiode waren kaum Frauen nur marginal in der Politik vertreten. Bei 16 Prozent liegt der Frauenanteil unter den Kandidaten für die kommende Präsidentschaftswahlen. Williams zufolge, sei daran erkennbar, dass Sirleaf versagt habe. 2010 fordert die gesetzgebende Versammlung einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent in den politischen Parteiriegen. Sirleaf unterstützt das vorgeschlagene Gesetz nicht, weswegen es nicht ratifiziert werden konnte. Auch andere intersektionale, feministische Innovationen, die es Frauen ermöglichen sollte sich sowohl auf kommunaler als auch nationaler Ebene stärker einzubringen, wurden entweder kompromittiert oder ignoriert. Dies beinhaltete unter anderem auch das Recht auf ein Bildungssystem frei von sexueller Nötigung und Ausbeutung. Williams findet, Sirleaf habe vor allem einer kleinen Elite des Landes gedient und habe durch Vetternwirtschaft patriarchale Strukturen weiterhin aufrecht erhalten. Ihren Sohn Robert Sirleaf machte sie zum Aufsichtsratvorsitzenden der Nationalen Ölfirma (Nocal), bei der er offiziell pro bono, also ohne Gehalt arbeitet. Ihr Sohn Charles Sirleaf ist Vizepräsident der nationalen Zentralbank. Ihren Schwager Estrada Bernard hat Sirleaf als ihren Rechtsbeistand angestellt, während ihr Neffe Varney Sirleaf seit 2012 zweiter Innenminister wurde. Nachweislich haben auch noch weitere Verwandte während ihrer Amtszeit Schlüsselpositionen eingenommen.

Williams macht darauf aufmerksam, dass Sirleaf und andere in ihrer Position, wie Margaret Thatcher oder Angela Merkel, zeigen, dass die Annahme des höchsten politischen Amtes durch eine Frau nicht zwangsläufig Gleichberechtigung mit sich bringt.

Foto: President Jacob Zuma hosts President Ellen Johnson Sirleaf of Liberia by GovernmentZA, flickr, CC BY-ND 2.0

 

lonam_oktober2017_coverEin Beitrag aus der LoNam-Ausgabe 06/2017 mit dem Schwerpunkt „Seperatismus in Afrika“. Die Einzelausgabe mit vielen anderen Beiträgen ist bestellbar unter: abo(at)lonam(.)de

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