New Alliance for Food Security and Nutrition – Herausforderungen für die afrikanischen...

New Alliance for Food Security and Nutrition – Herausforderungen für die afrikanischen Agrarsektoren

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Vor ziemlich genau 15 Jahren wurden bei der 55. Generalvollversammlung der Vereinten Nationen die Millenniums-Entwicklungsziele verfasst, um bis 2015 die weltweite Armut zu bekämpfen. Dass die genannten Ziele kaum erreicht würden war sehr bald klar. Durch die Agrarinitiative „New Alliance for Food Security and Nutrition“, sind die Ziele allerdings nicht mehr zu erreichen. Ein Blick nach Tansania.

Zur Ertragssteigerung werden an den Hängen der Uluguru-Berge verschiedene Pflanzenarten in Kombination angebaut. Foto: Thomas Beutler

Abdahlla Ambonisye ist 36 Jahre alt und wohnt am Fuße der Uluguru Berge, nahe Morogoro. Zusammen mit seiner Frau bewirtschaftet er ein Stück Land am Berghang. Er erzählt mir, dass er das Land – wie viele seiner Nachbarn – von seinen Eltern geerbt hat. Einen Nachweis dafür hat er nicht. Er ist ein sogenannter Kleinbauer und kann davon inzwischen gut Leben. Einen Großteil der Erträge können in Morogoro verkauft werden. Die Gewinne investiert er in Sachkapital. Obwohl er nur wenige Jahre die Schule besucht hat, kaum Lesen und Schreiben kann, kennt er sich mit landwirtschaftlichen Themen aus. Er weiß, wann und wie er sein Land richtig bestellt, welche Pflanzen in Kombination den größten Ertrag bringen und wie gleichzeitig die Böden schonend bearbeitet werden. Wie lange Abdahlla Ambonisye dies noch kann, ist allerdings ungewiss.

Denn spätestens als auf Initiative von US-Präsident Barack Obama, die New Alliance for Food Security and Nutrition (Neue Allianz für Ernährungssicherung) gegründet wurde, zeichnete sich ab, dass die zukünftige Entwicklungszusammenarbeit im Agrarsektor eine gefährliche Wendung nehmen wird. Denn die Neue Allianz ist ein Zusammenschluss der G8 Nationen, zehn afrikanischen Testländern (Tansania, Burkina Faso, Äthiopien, Senegal, Ghana, Mosambik Elfenbeinküste, Benin, Malawi und Nigeria) und diversen Privatinvestoren. Offizielles Ziel ist es, in sämtlichen Pilotprojekten, bis 2025 über 50 Millionen Menschen aus Armut und dem damit verbundenen Hunger – durch immense Agrarinvestitionen – zu befreien. Dafür sollen die Testländer ein nationales, investitionsfreundliches Klima schaffen, um Privatinvestitionen – global agierender Agrarunternehmen – zu ermöglichen und zu fördern. Neben den höchst umstrittenen, amerikanischen Biotechnologie Riesen Monsanto und Futtermittelproduzent Cargill, sind auch Unternehmen wie Unilever, Syngenta oder der norwegische Chemiedünger Konzern Yara dabei. Auch Deutschland unterstützt die Neue Allianz mit finanziellen Mitteln. Dabei stellt sich die Frage wie sinnvoll solche Projekte sind und wer davon eigentlich wirklich profitieren wird. Denn wie auch in Tansania zunehmend erkennbar ist, gehen mit der Umsetzung dieser Großprojekte, tiefgreifende ökologische, soziale und politische Herausforderungen einher.

Nach Angaben der tansanischen Sokoine University of Agriculture in Morogoro (SUA), ist die Agrarwirtschaft das ökonomische Rückgrat des Landes. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung ist direkt von der Landwirtschaft abhängig und über 27 Millionen Menschen leben von kleinbäuerlichen Aktivitäten. Dabei beruht das kleinbäuerliche Agrarwesen auf komplexen sozialen und ökologischen Strukturen. Jeder Kleinbauer wendet eigene Produktionssysteme an, die von der ökologischen Umwelt abhängig sind und in der Regel auch ganze Haushalte in die Erwirtschaftung einbeziehen. Nicht selten bestimmen aber auch religiöse oder andere soziale Faktoren die empfindlichen Produktionssysteme mit. Somit sind sie also hochgradig individuell und daher schwer zu beurteilen. Trotzdem meist sehr effektiv. Die Neue Allianz hat allerdings nicht vor, diese Strukturen aufrecht zu erhalten. Der vermeintliche Hunger soll durch großflächige Industrieagrarwirtschaft nach europäischem Vorbild beseitigt werden. Diese ist bekanntlich wenig nachhaltig. Trotzdem setzt die tansanische Regierung auf den SAGCOT (Südlicher Agrarwachstumskorridor von Tansania). Dieser Korridor bedroht auch Abdahlla Ambonisye. Von Dar Es Salaam über Morogoro, Iringa bis nach Mbeya, werden riesige Flächen nach konventionellen Anbaumethoden erschlossen. Ausländische Unternehmen sollen diese Gebiete bewirtschaften. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange. Am Pool des Nashera Hotels in Morogoro, treffen sich seit einiger Zeit die Unternehmensvertreter von Monsanto, Syngenta und anderen Firmen. Durch die fragilen Landrechte in Tansania, würden sie vielen Kleinbauern ihr Land nehmen. Zitto Kabwe, Oppositionspolitiker, kritisiert deshalb, dass „dieses Vorhaben, Kleinbauern in abhängige Tagelöhner verwandeln wird.“ Weiterhin ist Tansania im Zuge der Neue Allianz Vereinbarungen Teil der UPOV 91 – Verordnungen. Diese Verordnungen Kommerzialisieren die Saatgutproduktion. Kleinbauern wie Abdahlla Ambonisye dürfen somit nicht mehr ihr eigenes Saatgut produzieren, sondern müssen es von großen Agrarunternehmen kaufen. Weiterhin sind auf politischer Ebene keine Bestimmungen erkennbar, die die Produktion der Agrarkonzerne kontrollieren. Da aber letztlich auf die kleinbäuerlichen Strukturen weder von internationaler, noch von nationaler Seite Rücksicht genommen wird, begeben sich die Testländer – wie auch Tansania – in eine freiwillige, aber äußerst gefährliche Abhängigkeit.

titel_lonam_dezember2015Ein Beitrag aus der LoNam-Ausgabe 6/2015 mit dem Schwerpunkt „Politische Jugend“.
Die Einzelausgabe mit vielen anderen Beiträgen ist bestellbar unter: abo(at)lonam(.)de