Von guten Nachbarn und einer afrikanischen EM

Von guten Nachbarn und einer afrikanischen EM

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Die EM ist vorbei, Portugal hat sich die Krone aufgesetzt. Zahlreiche afrikanische Spieler haben dem Turnier ihren Stempel aufgedrückt und waren Symbol für ein vielfältiges Europa. Einige Realitätsverweigerer wollen das nicht einsehen.

Symbolbild, Foto: Fifa World Cup in Soccer City, Johannesburg von Celso FLORES/ flickr, CC BY 2.0

Was haben Beatrix von Storch (AfD), Marine Le Pen (Front National) und zahlreiche weitere europäische Politiker rechtspopulistischer Parteien gemeinsam? Sie alle sprachen sich dagegen aus, dass Spieler mit Migrationshintergrund für die Nationalmannschaften ihrer Länder auflaufen. Kaum war Deutschland bei der EM gegen Gastgeber Frankreich im Halbfinale ausgeschieden, schob von Storch den deutschen Spielern mit ausländischen Wurzeln die Schuld an der Niederlage in die Schuhe. „Vielleicht sollte nächstes Mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen“, schrieb sie provokant auf Twitter.

Hätte Frau von Storch die EM etwas aufmerksamer verfolgt, wüsste sie, dass ihre Aussage fernab jeglicher Realität einzuordnen ist. Denn ohne die vermeintlichen „Ausländer“, hätte es Deutschland gar nicht erst ins Halbfinale geschafft. Besonders Jerome Boateng, Sohn eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter, bewies eindrucksvoll, warum Beatrix von Storch an Inkompetenz kaum mehr zu überbieten ist. Boateng war der überragende Akteur der DFB-Elf bei diesem Turnier, stellte unter Beweis, dass er zu den besten Innenverteidigern der Welt gehört. Unvergessen bleibt seine heldenhaft akrobatische Rettungstat im Spiel gegen die Ukraine und sein sehenswerter Distanztreffer gegen die Slowakei im Achtelfinale.

Mit wahnwitzigen Kommentaren von AfD-Politikern kennt er sich bestens aus. Kurz vor der EM sagte AfD -Vizechef Alexander Gauland in einem Interview mit der FAS, „die Leute wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“ und spielte damit Bewusst auf die Hautfarbe des Deutsch-Ghanaers an. Zwei Monate und eine überragende EM später kennt man Boateng in Deutschland unter dem Kosenamen „Lieblingsnachbar“.

Die DFB-Elf ist jedoch längst nicht die einzige Auswahl, in der sich afrikanische Spieler auszeichnen konnten, das Spiel ihrer Mannschaft sogar prägten. In der Stammformation der französischen Auswahl war der Anteil an Spielern mit afrikanischen Wurzeln sogar höher als der an Akteuren mit europäischen. Die Eltern der Außenverteidiger Patrice Evra und Bacary Sagna stammen beide aus dem Senegal. Innenverteidiger Adil Rami hätte auch für Marokko auflaufen können. Samuel Umtiti, der Rami ab dem Viertelfinale gegen Island im Abwehrzentrum ablöste, wurde in der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé geboren. Das Mittelfeld der Equipe Tricolore war fest in den Händen der Westafrikaner. N’Golo Kanté und Moussa Sissoko, der im Endspiel gegen Portugal (0:1) wohl der aktivste französische Spieler war, haben ihren Ursprung in Mali. Die Eltern von Superstar und Hoffnungsträger Paul Pogba stammen aus dem Nachbarland Guinea. Ausnahme ist Blaise Matuidi, dessen Verwandtschaft aus Angola kommt.

Auch Europameister Portugal verdankt seinen historischen Triumph Spielern mit afrikanischen Wurzeln, die auf dem Kontinent geboren wurden und erst später mit ihren Eltern nach Portugal übersiedelten. Eder, der das alles entscheidende Siegtor in der Verlängerung gegen Frankreich schoss, wurde in Guinea-Bissau geboren. Eine ähnliche Vergangenheit hat Teamkollege Nani. In der Hauptstadt der Kap Verden aufgewachsen, gelangte er erst mit acht Jahren nach Portugal. Der defensive Mittelfeldspieler William Carvalho wurde in Luanda (Angola) geboren. Nur Jungstar Renato Sanches, der zum besten Jugendspieler des Turniers gewählt wurde und nun zum FC Bayern wechselt, erblickte im Vorort Lissabons das Licht der Welt. Er entstammt aber einer saotomisch-kapverdischen Familie.

Die Waliser feierten ihren Helden Hal-Robson-Kanu, der das kleine Land sensationell ins Halbfinale schoss. Sein Vater ist Nigerianer. Das Sturmzentrum der Belgier war mit Christian Benteke, Romelu Lukaku und Michy Batshuayi (alle DR Kongo) und Divok Origi (Kenia) zu hundert Prozent afrikanisch geprägt. Und sogar Tschechien hatte als osteuropäische Mannschaft mit Theodor Gebre-Selassie einen Äthiopier in seinen Reihen.

Angesichts dieser Tatsachen muss festgestellt werden, dass Leute, die immer noch behaupten, Menschen mit afrikanischen Wurzeln würden nicht nach Europa gehören, in einer nicht existenten dunklen Traumwelt leben. Die EM war ein eindrucksvolles Symbol für das heutige Europa und spiegelt das Miteinander in all unseren Lebensbereichen wieder. Längst ist klar, dass auch die afrikanische Kultur längst zur europäischen Identität gehört, die Offenheit, Toleranz und Vielfalt in ihren Genen trägt. Bei Menschen wie Beatrix von Storch ist diese Tatsache leider aber noch nicht angekommen.

Autor: Arsenij Zakharov

Foto: Fifa World Cup in Soccer City, Johannesburg von Celso FLORES/ flickr, CC BY 2.0

Titel_lonam_augustEin Beitrag aus der LoNam-Ausgabe 4/2016.
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