„Wir sind doch keine Außerirdischen!“

„Wir sind doch keine Außerirdischen!“

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In der Süddeutschen Zeitung vom letzten Samstag, dem 30. März, ist ein langer, sehr interessanter Artikel mit dem Titel „Heimatkunde“ zu finden. Ich würde sagen, es soll um Erfahrungen von Migrant*innen aus Afrika in und mit Deutschland gehen. Die Süddeutsche fragt allerdings: „Wie leben sie hier?“

Unter anderem Schauspielerin Thelma Buabeng wird im Artikel "Heimatkunde" der SZ vorgestellt. Sie sieht die Fragestellung des Beitrags jedoch ähnlich kritisch wie wir. © CC BY SA 3.0 JCS/GFDL

Genau diese Frage ist ein Problem, nicht der Inhalt oder die Intention des achtteiligen Textes. Sieben Einzelpersonen und ein Ehepaar, sie sind alle vom afrikanischen Kontinent nach Deutschland migriert, werden hier vorgestellt, ihre Geschichten werden erzählt.

Ulrike Schuster und Tobias Zick haben mit ihrem Artikel die Absicht, zusammen mit Schwarzen Deutschen diese sichtbar zu machen, ihnen eine Stimme in den großen deutschen Medien zu geben. Das ist löblich und richtig, denn die Repräsentation Schwarzer Deutscher ist in den wichtigen Medien noch lange nicht ausreichend gegeben.

Was mich daran stört: Die Verpackung, Darstellung, Inszenierung. Die Formulierung auf der Titelseite, „Etwa eine Million Deutsche sind schwarz. Wie leben sie hier?“, erinnert stark an Tierdokus, wie zum Beispiel: „Die Gorillas im Zoo Berlin. Wie leben sie dort?“ Menschen im Zoo – eine seltsame Vorstellung, doch vor hundert Jahren durchaus noch Realität, als zum Beispiel in Berlin sogenannte Völkerschauen veranstaltet wurden, exotische Afrikaner*innen zum Anschauen. Solche Völkerschauen sind längst überholt, die Sichtweise in Formulierungen wie dieser ist jedoch damit verwandt. Dafür gibt es sogar einen sozialwissenschaftlichen Begriff: othering. Eine akkurate deutsche Übersetzung existiert nicht, doch sinngemäß bedeutet es etwa „Fremd-Machung“. Das Konzept kommt aus der postkolonialen Theorie und bezeichnet das Phänomen, dass Menschen die Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, von einer anderen differenzieren und distanzieren, also stark zwischen einem „Wir“ und einem „Die Anderen“ unterscheiden. Damit geht immer auch eine Unterscheidung zwischen „normal“ und „nicht normal“ einher. Diese radikale Abgrenzung zwischen der eigenen und einer anderen Gruppe ist gefährlich. Wenn man sich nicht darüber bewusst wird, ist der Weg von Abgrenzung zu Feindlichkeit nicht weit.

Ich möchte den beiden Autor*innen der Süddeutschen Zeitung auf keinen Fall Fremdenfeindlichkeit oder gar offenen Rassismus unterstellen, allerdings ist die Inszenierung dieses Artikels ein exzellentes Beispiel für othering, und damit sollte reflektiert umgegangen werden – zumal in einem Medium diesen Formats. Denn die Frage „Wie leben sie hier?“, die sich die übrigens fast ausschließlich Weiße Redaktion der Süddeutschen Zeitung über Schwarze Deutsche stellt, ist zwar interessiert und neugierig, aber auch exotisierend und „anders-machend“ gestellt, als wären Schwarze Deutsche eben keine „richtigen“ Deutschen.

Dazu kommt, dass es auch unter Schwarzen Deutschen Diversität gibt. All die aufgeführten Personen sind selbst nach Deutschland migriert. Doch auch beispielsweise Deutsche, deren Eltern oder Großeltern aus Afrika stammen, oder Menschen mit afroamerikanischen Wurzeln werden gemeinhin als Schwarz klassifiziert. Deren Rolle in Deutschland ist oft eine andere, manchmal sogar eine noch verzwicktere als die der selbst Migrierten.

Dieser Artikel beweist, wie sensibel das Thema ist. Denn auch wenn er nett gemeint ist und die Intention dahinter ein wichtiges Ziel verfolgt – Aufmerksamkeit für eine Million Schwarze Deutsche im öffentlichen Diskurs – kann in dem Prozess viel falsch gemacht werden. Denn auch die Verpackung eines solchen Beitrages ist ein großer Teil der Botschaft: Die Weißen Deutschen schauen sich die exotischen Schwarzen Deutschen in ihrem Lebensraum an und schreiben über sie, denn sie haben die Macht, den Anderen eine Stimme in der Öffentlichkeit zu verleihen. Damit reproduzieren sie eben jene Strukturen, gegen die Thelma Buabeng, die erste im Artikel vorgestellte Schwarze Deutsche, schon lange vorgehen will. Indem die Schauspielerin in Rollen von Staatsanwältinnen und Therapeutinnen schlüpft, zeigt sie, dass auch Schwarze gut verdienen, angesehene Berufe ausüben, ehrbahre deutsche Bürger*innen sein können und auch sind. „Normalität mit Tatsachen schaffen“, ist ihr Motto. Buabeng reagierte auf Instagram auf die Aufbereitung ihres Interviews in der SZ mit dem Kommentar: „Wir sind doch keine Außerirdischen!“ und dem Hashtag #ichkannnichtmehr. Sie hakte bei der Redaktion der SZ nach und habe zur Antwort bekommen, eben deshalb heiße der Artikel „Heimatkunde“ und nicht „All-Kunde“. Vielleicht sollte sich die Redaktion der Süddeutschen Zeitung die Kritik der Menschen, über die sie schreibt, zu Herzen nehmen, anstatt schon längst überholte Sichtweisen auf Schwarze Deutsche wieder zu bedienen.

Elias Aguigah