Begegnungen mit dem afrikanischen Archiv: Perspektiven auf koloniale Fotografie

Begegnungen mit dem afrikanischen Archiv: Perspektiven auf koloniale Fotografie

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Noch bis Mitte Juni ist im Amerika Haus eine Ausstellung zu sehen, die den Umgang mit kolonialen Bilddokumenten problematisiert. Es ist eine feinfühlige Gegenüberstellung von Archivmaterial und zeitgenössischen afrikanischen KünstlerInnen.

Seit Mitte April zeigt die C/O Stiftung für Fotografie eine Ausstellung der Walther Collection, die sich derzeit einer mehrjährigen Untersuchung afrikanischer Fotografie und Videokunst anhand der Themen Porträt, Landschaft und historische Archive des 19. Jahrhunderts widmet.

Teil dieser Untersuchung ist die Ausstellung „Distance and Desire Encounters with the African Archive“, die aus der Forschungsarbeit der Londoner Kuratorin Tamar Garb resultiert. Am vergangenen Montag besuchte die Kuratorin das Amerika Haus, um mit einem Vortrag in die Ausstellung einzuführen. Es ist eine feinfühlige Beschäftigung mit der Frage, wie Fotografien aus der Zeit zwischen 1870 und dem frühen 20. Jahrhundert heute gezeigt werden können, ohne rassifiertes Denken zu reproduzieren. Zu diesem Zweck wird altes Archivmaterial, das für den „colonial gaze“ der europäischen Fotografen steht, dem Werk des zeitgenössischen Künstlers Santu Mofokengs gegenübergestellt. Dessen Arbeit „The Black Photo Album“ besteht aus einer Sammlung ebenso alter Fotografien, in deren Zentrum sich AfrikanerInnen befinden, die in viktorianischer Kleidung posieren. Aber auch zeitgenössische afrikanische FotografInnen treten in einen Dialog mit den alten Aufnahmen. Die Kuratorin deckt den Werdegang der Aufnahmen auf, die in der Lage seien, „mehrere Leben zu führen“. So seien manche Portraits, die von Minenarbeitern zu ihren Familien nach Hause geschickt werden sollten, später als Postkartenmotive verwendet worden. Vor allem aber deckt Tamar Garb auf, wie inszeniert die Fotos der dargestellten AfrikanerInnen sind, die sich teilweise in Bettlaken hüllen, um ein „traditionell afrikanisches“ Aussehen zu evozieren.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die zweite Ausstellung im C/O. Sebastião Salgados monumentales Werk ist der eigentliche Publikumsmagnet im Haus. Gezeigt werden hier im Gegensatz zu „Distance and Desire“ großformatige Bilder, die laut Tamar Garb den „eskapistischen Charakter des 19. Jahrhunderts“ verkörperten. Sie zeigen romantisierte Naturlandschaften und indigene Bevölkerungen und werden bezeichnenderweise unter dem Titel „Genesis“ ausgestellt. Es lohnt sich also in jedem Fall, zunächst die Ausstellung im Obergeschoss zu besichtigen, bevor man einen Abstecher zu Sebastião Salgado im Ergeschoss macht.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. Juni zu besichtigen und wird begleitet von einem 352 Seiten starken gleichnamigen Ausstellungskatalog mit Essays, unter anderem von der Anthropologin Hlonipha Mokoena und dem Kunsthistoriker Chika Okeke-Agulu.

Sandra Lippert

Foto: King Moshoeshoe or Moshesh of the Basotho people of Lesotho. Photo from the Nineteenth Century. Von Bensusan Museum anon, Commons Wikimedia, CCO Public Domain