Die Botschaft aus Hanau wird weitergetragen – auch trotz kurzfristiger Absage der...

Die Botschaft aus Hanau wird weitergetragen – auch trotz kurzfristiger Absage der Demo

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Eigentlich hätte am vergangenen Samstag, sechs Monate nach den Anschlägen, eine große Gedenkdemo für und mit den Angehörigen, Überlebenden und grundsätzlich von Rassismus Bestroffenen in Hanau stattfinden sollen. Steigende Corona-Zahlen führten zu einer unglaublich kurzfristigen Absage. Dennoch - oder vielleicht sogar gerade noch mehr! - ist die Solidarität in allen Ecken des Landes zu spüren.

"Rassismus muss in der Schule diskutiert werden!" war eine von vielen geäußerten Forderungen bei der Kundgebung am Samstag. Die vollständigen Reden hört und seht Ihr im Video unten. Bild: © Initiative 19. Februar Hanau

Sechs Monate nach den Morden von Hanau wollte die „Initiative 19. Februar Hanau“ mit einer großen Demo am 22. August einerseits der Opfer gedenken, andererseits den Forderungen nach Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen Nachdruck verleihen. Zur geplanten Demonstration am vergangenen Samstag waren Busse und Bahnreisegruppen aus über 30 Städten und insgesamt 3000 bis 5000 Teilnehmer*innen erwartet worden.
Doch Freitag Abend kam die kurzfristige Absage. Aufgrund rasant steigender Zahlen von Corona-Neuinfektionen in der Stadt hatte der Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) persönlich den Organisator*innen mitgeteilt, dass die Veranstaltung verboten werden müsse. „Sobald die Infektionsfälle wieder deutlich zurückgegangen sind, holen wir diese Trauerbekundung selbstverständlich nach“, versprach der OB am Freitag Abend. Dennoch war Enttäuschung auf Seite der Initiative spürbar: „Wir bedauern diese Entscheidung, weil wir wochenlang ein Hygiene-Konzept gemeinsam mit Stadt und Ordnungsamt entwickelt haben und den erwarteten Teilnehmer*innen ein verantwortungsvolles Verhalten zugetraut hätten. Die Absage am Freitag Abend lässt uns keine rechtlichen Möglichkeiten, die Entscheidung prüfen zu lassen. Dennoch sind wir keine Corona-Rebellen und folgen der Entscheidung.“

Vielleicht haben die Botschaften, die den Veranstalter*innen und Angehörigen am Herzen liegen, auch gerade durch diese Umstände noch viel mehr Aufmerksamkeit gewonnen, als es eine Demo bewirken hätte können. Im Internet kritisieren seit der kurzfristigen Absage zahlreiche User*innen aus ganz Deutschland die Entscheidung der Stadt Hanau vehement. So sieht zum Beispiel der SPD-Bundesabgeordnete Lindh durch die Entscheidung die Glaubwürdigkeit seiner Partei infrage gestellt.

Viele stellen ähnliche Fragen: Warum können vielerorts und zu weit weniger verstehbaren Anlässen Menschen versammelt sein, hier nun aber nicht? Erklärung liefern da tatsächlich in erster Linie die Corona-Zahlen. Noch heute berät die Stadt Hanau über weitere Maßnahmen und könnte diese Woche Warnstufe 4 ausrufen müssen.
Doch auch jenseits der Kontroverse um die Absage der Demo finden die Botschaft und die Forderungen der Initiative inhaltliche und solidarische Unterstützung von vielen Seiten. Bereits am Mittwoch, den 19.8., also genau ein halbes Jahr nach dem Anschlag, fanden in über 30 Städten Veranstaltungen und Kundgebungen zum Gedenken an die Ermordeten statt.

Außerdem fand in Abstimmung mit der Stadt Hanau am Samstag dennoch eine Gedenkveranstaltung mit Angehörigen des Terroranschlags vom 19. Februar in kleinerem Rahmen statt. Die Kundgebung war letztendlich auf 249 Menschen begrenzt. Kaminsky dankte den Teilnehmenden im Anschluss für ihre „Abstands- und Maskendisziplin“ auf dem Freiheitsplatz, die „vorbildlich mit der für sie sicher enttäuschende Absage der Demonstration umgegangen“ seien.

Die Kundgebung in Hanau, bei der vor allem viele Angehörige Raum für bewegende Worte fanden, wurde per Livestream übertragen und an öffentlichen Orten in ganz Deutschland mitverfolgt, wo ebenfalls zeitgleich Gedenkfeiern stattfanden. Auch jetzt noch könnt Ihr den Stream bei facebook über United We Stream, auf youtube sowie auf vielen weiteren Seiten sehen.

Dass den Forderungen vieler Redner*innen nach aufrichtiger Aufklärung nachgekommen werden soll, unterstützte schließlich auch Kaminsky, der die Verantwortung für die Absage auf sich nahm und an der Kundgebung teilnahm. Ihm seien „Solidarität, Nächstenliebe und der Respekt gegenüber anderen Richtschnur des Handelns im Zusammenhang mit dem 19. Februar“.

J.B.