Die finstere Realität im Licht der Enzyklopädie

Die finstere Realität im Licht der Enzyklopädie

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Peter Krüger hat sich dem feinsinnigen Texten Ben Okris angenommen. Es erzählt die komplexe Beziehung zwischen Aufklärung und einem Kontinent, der sich ihr zu entziehen scheint.

Filmstill aus „N- Wahn der Vernunft“, Foto: IntiFilms

Ein Mann stirbt und anstatt zu trauern, versieht eine ominöse Frau seinen Geist mit einem Fluch der Rastlosigkeit. Eine unschöne Vorstellung, wenn man an Flüche glaubt. Der nigerianisch-britische Schriftsteller Ben Okri hat sich dieser Vorstellung angenommen und die Texte des Erzählers des Films „N – Der Wahn der Vernunft“ geschaffen, der erstmals auf der Berlinale 2014 gezeigt wurde und am 26. März in die deutschen Kinos kommt.

Der Stoff beruht auf einer wahren Geschichte und ist damit wie geschaffen für Peter Krügers bevorzugte Ausdrucksweise: Das Genre übergreifende Verschmelzen von Dokumentation und Fiktion. Er zeigt, wie der Geist des Franzosen Raymond Borremans in Zeitsprüngen und traumähnlichen Sequenzen durch Westafrika irrt. Begleitet wird er von einer einheimischen Frau, welche die Rolle des Mediums im doppelten Sinn innehat. Zum einen kann sie die Stimme des toten Raymond Borremans hören, vermittelt also zwischen der realen und der Geisterwelt. Zum anderen wird sie zur spirituellen Vermittlerin zwischen afrikanischen Weltanschauungen und dem kategorischen Modernismus Borremans. 1906 geboren ist dieser ganz Kind seiner Zeit. So trägt er seine eurozentrischen Sichtweisen von Ordnung und System nach Westafrika, als er 1929 beschließt, auszuwandern. Mehr als fünfzig Jahre verbringt er in der Côte d’Ivoire und anderen Ländern Afrikas damit, manisch Dokumente und Informationen für seine Enzyklopädie zu sammeln. Nach jahrzehntelangem Schaffen ist er gerade mal bis zum Buchstaben „N“ vorgedrungen.

Peter Krüger hat in dieser ungewöhnlichen Biofgrafie eine typisch westliche Mentalität entdeckt. Es ist eine Art, zu denken, die in den Untiefen der Aufklärung wurzelt und aus afrikanischer Sicht etwas Fremdes und Eigenartiges, vielleicht sogar Lächerliches hat. Sie verspürt den Drang, einer zunehmend komplexer, da globalisierter werdenden Welt durch systematische Kategorisierung Herr zu werden.

Seit Erscheinen von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ 1899 gab es ja schon einige Filme, die sich mit der Überforderung des Weißen Mannes durch das Fremde auseinandergesetzt haben. „Aguirre, der Zorn Gottes“ von 1972 und „Apocalypse Now“ von 1979 sind nur die frühesten und bekanntesten Beispiele. Ben Okri und Peter Krüger bereichern das Thema um eine afrikanische Perspektive. Der Film fokussiert die Hoffnung und das Glück, das sich in der Kapitulation vor der Unvorhersehbarkeit und dem Chaos des Lebens verbirgt.

Man kann übrigens davon ausgehen, dass Raymond Borremans, der bis 1974 als reisender Filmvorführer gearbeitet hat, diese Filme gekannt hat. Es liegt etwas Tragisches darin, dass er Zeit seines Lebens trotz seiner Bemühungen und seiner Hingabe an Afrika, die afrikanische Lebenswirklichkeit nie verstanden zu haben scheint. Umso tröstlicher, dass „N – der Wahn der Vernunft“, ihn posthum mit ihr versöhnt. Der Soundtrack von Vieux Farka Touré, dessen Musik sich schwer zwischen traditioneller malinesischer Musik und westlichem Pop einordnen lässt, ist das i-Tüpfelchen des Films: Er verfremdet die überholten Gegensatzpaare von europäischer Geistigkeit und Realismus auf der einen und afrikanischer Spiritualität und Materialität auf der anderen Seite bis zur Unkenntlichkeit.

Sandra Lippert

Foto: IntiFilms