Es gibt kein Wir ohne Alle!

Es gibt kein Wir ohne Alle!

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Es gibt kein Wir ohne Alle! © Gayatri Malhotra/ unsplash.com
Es gibt kein Wir ohne Alle! © Gayatri Malhotra/ unsplash.com

Am 26. Februar 2021 erregte der bundesweite Aktionstag „Wir Migrant:innen schlagen Alarm! Corona-Krise macht ungleicher“ große Aufmerksamkeit. Und doch finden die Stimmen, die besonders stark solidarische Unterstützung und Anerkennung brauchen, noch immer nur schwer Gehör. Natalia Fomina hat hierzu mit Vertreter*innen zweier Migrant:innenorganisationen gesprochen und über ihre Rolle, Probleme und Forderungen nach fast zwei Jahren Pandemie reflektiert. Wir veröffentlichen einige Einblicke aus den Gesprächen.

Dr. Elizabeth Beloe ist promovierte Sozial- und Kulturanthropologin und stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. (BV NeMO). Immer wieder hat sie und der Verband von der Bundesregierung einen Masterplan gefordert, um solidarisch die Krise zu überstehen. Viele soziale Faktoren, wie Unterkunftsmöglichkeiten und Arbeitsverhältnisse in systemrelevanten Jobs führen dazu, dass in Deutschland Menschen mit Einwanderungsgeschichte überproportional häufig an Covid-19 erkranken. Es müsse daher das Ziel sein die Diskrepanz zwischen Migrant*innen und der Mehrheitsgesellschaft in den wichtigsten Punkten wie Bildung, Gesundheit, Teilhabe und Ressourcen zu mindern: „Unsere Zukunftsvision soll herkunftsübergreifend gestaltet werden, wofür wir dauerhaft im Gespräch bleiben und weiterhin gute Austauschformate schaffen müssen. Besonders möchte ich die Rolle von Medien in einer Demokratie betonen.“

Zu ihren konkreten Forderungen nennt Dr. Beloe insbesondere Soforthilfen für Kinder und ihre Familien mit Fluchtgeschichte, die beim Distanzunterricht besonders überfordert sind, sowie tragbare Konzepte gegen soziale Bildungsspaltung. Woran es oft fehlt ist eine präventive Strategie unter der Beteiligung „auf Augenhöhe“. Um gemeinsam Lösungen zu finden, müssen die Perspektiven von Migrant:innenorganisationen, Betroffenen und der Politik gleichermaßen vertreten sein und die ausgearbeiteten Forderungen von der Politik aufgenommen werden.

Es muss stärker begriffen werden, wie wichtig Vertretungen von Migrant:innen auf allen Ebenen sind. Sie sind unverzichtbar, wenn über Perspektivenvielfalt, Migrationsgesellschaft und Teilhabe gesprochen wird.

Auch der AfrikaRat e.V. ist ein Dachverband von Vereinen, Organisationen und Initiativen und vertritt Menschen der afrikanischen Diaspora in Berlin und Brandenburg. Für den Vorsitzenden Akinola Famson bringt das Corona-Virus nicht nur neue Probleme, sondern erschwert gleichzeitig die tagtäglich notwendige Arbeit. Doch aus Problemen und Herausforderungen entstehen neue Möglichkeiten: so organisierte der Verband in den vergangenen anderthalb Jahren virtuelle Informationsveranstaltungen und digitale Beratungstreffen, um Räume zu schaffen, in denen ein Austausch zu den mentalen und psychischen Gesundheitsproblemen der Krise stattfinden konnte.

Als einen wichtigen Punkt nennt Akinola Famson, dass Informationen leichter zugänglich gemacht werden und insbesondere Formulare in leichte Sprache übersetzt werden müssen: „Die Formulare für Corona-Hilfen oder Übergangshilfen sind nicht einfach zu verstehen, sodass das Ausfüllen der Dokumente für manche Menschen zu schwierig ist. Aus datenschutzrechtlichen Gründen können wir den Menschen auch nicht helfen. Einerseits können wir die Unterlagen digital nicht rumsenden und andererseits haben nicht alle Bedürftige den Zugang zu einer digitalen Beratung. Wären Präsenzberatungen möglich, könnten wir auf die richtigen Stellen im Dokument verweisen.“

Als eine positive Entwicklung sieht der AfrikaRat e.V., dass die jetzige Bundesregierung zum Teil eingesehen hat, wie wichtig afro-diasporische Menschen für unsere Gesellschaft sind. So floss die Perspektive von Menschen mit migrantischem Hintergrund in die Ausarbeitung des Maßnahmenkatalogs des Kabinettausschusses zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus ein. Jetzt müssen wir besonders darauf achten, dass bei der aktiven Implementierung Menschen afrikanischer Herkunft beteiligt sein werden. „Wir werden nach der Bundestagswahl sehen, ob der neue Versuch wie in Vergangenheit nicht nur auf Papier bestehen wird, sondern tatsächliche strukturelle und institutionelle Veränderungen in der deutschen Gesellschaft entfalten wird.“

Der Artikel ist ein Gastbeitrag von Natalia Fomina