Junge Theaterschaffende senden „Unconventional Signs“

Junge Theaterschaffende senden „Unconventional Signs“

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Symbolbild © Soho A Studio, Shutterstock.com
Symbolbild © Soho A Studio, Shutterstock.com

Am Ballhaus Naunynstrasse in Berlin-Kreuzberg feierte am 1. und 2. Oktober die szenische Lesung unter dem Titel »Unconventional Signs – Neue Postmigrantische Theatertexte« ihre Premiere vor vollem Haus.

„Theater braucht Literatur, die die jetzige Gesellschaft zeigt.“ Mit dieser Forderung steht das Ballhaus Naunynstraße bereits seit nun fast einem Jahrzehnt für ein vielstimmiges zeitgenössisches Theater ein und bietet explizit postmigrantischen Perspektiven eine Bühne. An zwei Abenden präsentieren eine Gruppe junger Theaterschaffende die Ergebnisse einer achtmonatigen Schreibwerkstatt, in der sie intensiv neue Möglichkeiten des postmigrantischen Theaters ausprobiert und kollaborativ an eigenen Texten gearbeitet haben. Realisiert wurde das Projekt unter der Leitung von der Tanzwissenschaftlerin Mariama Diagne.

An den Abenden wurden Auszüge von insgesamt 10 Texten vorgestellt, die jeweils ganz eigene Geschichten erzählen und doch einen großen Spannungsbogen bilden von individualisierten Erlebniswelten hinzu Szenen gelebter Gemeinschaft. In vielen der Passagen wühlen die Protagonist*innen in ihrer Vergangenheit und holen Erinnerungsstücke hoch. Sie setzten sich mich ihrer Elterngeneration auseinander und reflektieren Spannungen innerhalb der eigenen Generation. Es geht um Queerness, um Sehnsüchte, aber auch um Scham und Trauma in einer rassistischen Dominanzgesellschaft.

Auf der Bühne dann, wurden die Texte von einem kleinen Schauspiel-Ensemble szenisch vorgetragen. Die sechs Schauspielenden sitzen zu Beginn an einem schlichten großen Gruppentisch und werden von einer subtilen Soundkulisse begleitet, die von Cem Sultan Ungan und Sky Deep lässig eingespielt werden. Sie halten die Texte in dicken Mappen in der Hand, lesen laut vor, übernehmen mitten im Sprechakt die Rollen voneinander, tippen in Schreibmaschinen: Jede Bewegung und Haltung ist durchchoreographiert und spannungsreich. Die Ebenen von Textproduktion, Vorlesen und Verkörpern überlagern sich an dieser Stelle immer wieder und verlassen übliche Formate von Lesungen. Zugleich ist auch die Präsenz der tatsächlichen Autor*innen spürbar. Sie sind im Publikum anwesend und werden vor den jeweiligen Textauszügen eingeblendet, sprechen selbst aber nicht, wenn ihre Geschichte erzählt und verkörpert wird. Hier wird auch spürbar, mit wie viel Vertrauen und Sensibiltät, die einzelnen Auszüge inszeniert wurden. So bedeutet die Perspektivenvielfalt eines postmigrantischen Theaters eben auch mehr als die Summe ihrer Teile.

Texte: Amina Eisner Wachstumsschübe | Patty Kim Hamilton A Letter to My Brother | Toks Körner Terror | Nina Karimy UNDER CONTROL | Lamin Leroy Gibba Doppeltreppe zum Wald | Mmakgosi Kgabi M.E.T.S.I. – a fisherman’s friend | To Doan RISKANT. Vögel aufscheuchen. | Dora Cheng Epiphanie 顿悟 | Yatri Niehaus ABRUCKKÖRPER | Atilla Oener Im Strom. Regie: Theresa Henning | Dan Thy Nguyen. Schauspielende: Dena Abay | Jean-Philippe Adabra |Tanya Erartsin | Sanni Est | Kotti Yun.

Artikel: Martin Roggenbuck