Berlin ‚neu‘ entziffert: Schulausflug auf den Spuren des Kolonialismus

Berlin ‚neu‘ entziffert: Schulausflug auf den Spuren des Kolonialismus

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An zwei sonnigen Herbsttagen kamen Berliner Schüler*innen der Demokratischen Schule X und der Alternativschule Berlin am 7. Oktober mit Mnyaka Sururu Mboro, sowie der ISS-Wilmersdorf am 8. Oktober mit Stefan Zollhauser zusammen, um historische Spuren und Kontinuitäten des Kolonialismus in Berlin auf den Grund zu gehen. Mboro gehört zu einem der Gründer*innen von Berlin Postkolonial e.V. und forscht, vermittelt und klärt seit Jahrzehnten über das koloniale Erbe in Deutschland auf. Der Historiker Zollhauser arbeitet als freiberuflicher Ausstellungsmacher und Stadtführer in Berlin. Die Führungen fanden im Rahmen des Schulprojektes »Koloniale Spuren« statt, das vom Afrika Medien Zentrum e.V. koordiniert wird und sich an Klassen der Jahrgangsstufen 7 bis 10 richten.

Es ist knapp vor 11 Uhr am Donnerstagvormittag, wir stehen am Ausgang einer U-Bahnstation, warten noch auf verspätete Teilnehmende und vertreiben die Zeit mit kleinen Gesprächen. Nun, die Stadtführung beginnt an einem Ort, der doch eigentlich ein bisschen banal erscheint. Das Afrikanische Viertel in Wedding liegt fern von den belebten Berliner Kiezen und Sehenswürdigkeiten. Hier stehen viele einfache Wohnviertel, Schrebergärten, ruhige Straßen, vollgestellte Parkplätze, wenig Läden. Was kann dieser Ort schon erzählen, außer ein paar Straßennamen von afrikanischen Regionen? Schritt für Schritt weicht jedoch dieser erste Eindruck. Im Laufe der Führungen entfaltet sich ein komplexes Bild von Orten, an denen sich Geschichte, Zeugnisse und Erinnerungen überlagern und keine abgeschlossene Erzählung bilden.

Bei der ersten Station erklärt Mboro die Enstehungsgeschichte des Viertels am Ende des 19. Jhr. Nach der Vision des Hamburger Kaufmanns Hagenbeck sollte entlang der Rehberge ein Tierpark entstehen, in dem auch Völkerschauen geplant waren. Der Erste Weltkrieg verhinderte die Ausführung, führte zum Verlust der deutschen Kolonien. Geblieben sind die Straßennamen, nach Siedlungs- und Plantagenkolonien des Deutschen Reiches und deren Männern benannt.

Als wesentlichen roten Faden, erzählt Mboro von der Präsenz Schwarzer Menschen in Berlin, sowie der Geschichte der Menschen, die sich gegen Kolonialismus und Diskriminierung zur Wehr setzten. Hier stellt er die Biographie von Martin Dibobe vor, dem ersten Schwarzen U-Bahnfahrer 1902 in Berlin, oder das Werk ‚Farbe bekennen‘ herausgegeben von May Ayim im Jahr 1986. Auch zukünftige Namespaten zweier Strassen werden vorgestellt: Das kamerunischen Ehepaar Emily und Rudolf Manga Bell, sowie die namibische Aktivistin Anna Mungunda.

Die Schüler*innen kommen während der Führungen auch mit den langwierigen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um das deutschen Konialerbe in Kontakt. Mboro geht in der Führung immer wieder auf kleine Episoden ein, die er und viele andere Mitschreiter*innen seit Jahrzehnten erleben. Wie sich die unterschiedlichen Betroffenengruppen solidarisierten und doch zu oft bei offiziellen Stellen vor verschlossen Türen standen ohne Gehör zu finden. Über die Herero und Nama, die bis heute auf eine angemessene Entschuldigung und Reparation für den Völkermord an ihren Vorfahren warten. Über die langen und schwierigen Prozesse der Umbenennung von öffentlichen Straßen und Plätzen. Von den Erinnerungen an die Brutalität der Kolonialisten, die noch eine offene Wunde bilden. Von seiner Großmutter, die ihm einen klaren Auftrag für seine Zeit in Deutschland mitgab.

Am Freitag ging es zusammen mit Stefan Zollhaus ebenfalls in den Wedding, jedoch in den benachbarten Kiez zwischen Samoastrasse und Virchow-Klinikum. Der Fokus bei diesem Rundgang lag auf der koloniale Geschichte in asiatischen und ozeanischen Regionen, sowie die Entwicklung der modernen Medizin, deren Geschichte immer wieder mit dem Kolonialismus verknüpft ist. Treffpunkt und erste Etappe der Stadtführung waren in der Amrumer Str./Ecke Samoastraße. Die Südseeinsel Samoa wurde  im späten 19. Jhr. als sogenannten ‚Südsee-Schutzgebiet‘ des deutschen Imperiums deklariert. Tatsächlich bedeutete dieser Status eine autoritäre Kolonialherrschaft und den Ausbau der Plantangenwirtschaft.

Auf der nächsten Station wurde der Pekingplatz und die Kiautschoustraße besichtigt, die von den imperialen Expansionen Deutschlands in China zeugen. Bereits 1860 hatte der Kolonialherr und Geologe Ferdinand Eulenburg zusammen mit Otto Bismarck die Region Kiautschou im Norden Chinas als Handelsstützpunkt im Visier. Mit dem  Kiaotschouvertrag drückte Deutschland 1898 das deutsche Handelsmonopol auf der Halbinsel endgültig durch. Dies verlief parallel zu den Boxerunruhen. Als ‚Boxer‘ waren die Mitglieder eines chinesisch-zivilistischen Geheimbundes bekannt, der sich um 1897 gegen die Fremdherrschaft richtetete und sich mit ‚Fäusten‘ zur Wehr setze. An diese Zeit erinnert auch der Pekingplatz. Während des Ersten Weltkrieg wurde die chinesische Hauptstadt kurzweilig deutsche Besatzungszone. Damals hieß es unter den deutschen Soldaten, es gelte die „deutsche Erde“ in China zu verteidigen.

Die letzte Etappe der Stadtführung stellten das Robert-Koch-Institut und das Virchow-Klinikum dar. Sie sind  zurückzuführen auf den Mediziner Heinrich Hermann Robert Koch (1843-1910) und Rudolph Virchow (1821-1902). Beide leisteten bedeutsame wissenschaftliche Beiträge zur Infektiologie und öffentlichen Gesundheit, waren aber auch im Feld der sogenannten „Tropenmedizin“ tätig und eng mit dem Kolonialismus verstrickt. Während der Führung wurde auch immer wieder die Frage der Ethik thematisiert und inwiefern der Kolonialismus und die Medizin in der Kolonialzeit ethisch waren.

Insgesamt beschleicht einem in den erlebnisreichen Rundgängen durch den Wedding und dessen Straßen/Gebäudelandschaften das Gefühl, dass die Kolonialhistorie im öffentlichen Raum weiterhin meistens nur deren ‚Herren‘ erinnert. Die Fragen der Schüler*inner der ISS Wilmersdorf thematisierten die Position der gegenwärtig existierenden Denkmäler und Straßen der Kolonialzeit und wie eine zeitgemäße postkoloniale Aufarbeitung aussehen könnte.

Auch Mboro lädt zum Abschluss die Schüler*innen dazu ein, die koloniale Geschichten aufzuarbeiten und kritisch weiterzutragen und bedankt sich sehr bei ihnen für die sehr konzentrierte Teilnahme. Einige Schüler*innen betonten, dass ihnen besonders die Emotionalität gut gefallen hat, mit der das Thema während der Führung zugänglich und erlebbar wurde. Sicherlich ist die Stadtführung für viele der Beteiligten eine bleibende Erinnerung und Anlass für weitere Reflexionen.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Projektes „Koloniale Spuren“ vom Afrika Medien Zentrum e.V. statt. Das Projekt bietet neben Stadtführungen viele weitere Formate für Schulklassen der Stufe 7-10 u.a. in Berlin-Reinickendorf. Thematisiert werden neben (Post-) Kolonialismus und der deutschen Kolonialvergangenheit auch koloniale Kontinuitäten wie Rassismus oder weitere Bezüge in unserem Alltag, die auf Kolonialsmus hinweisen. Die Angebote sind für Schulen kostenlos und können indivdiuell auf die Bedürfnisse der Klassen abgestimmt werden. Bei Interesse melden Sie sich gerne unter: projekte@amz-berlin.de

Weitere Termine von Berlin Postkolonial stehen nächstes Wochenende an. Am Freitag, dem 15. Oktober, wird die Ausstellung »zurückGESCHAUT« im Museum Treptow eröffnet. Am Samstag, den 16. Oktober, findet zudem eine postkoloniale Stadtführung auf dem Wasser statt. Der Historiker Stefan Zollhauser bietet für Interessierte auch weitere historische Stadtführungen in Berlins Gebäude/Straßenlandschaft an. Mehr Informationen unter www.berliner-spuren.de.

Artikel: Martin Roggenbuck & Suldano Schuppan