Panel Talk: Transnationale Archive – Ethik und Dekoloniale Methoden

Panel Talk: Transnationale Archive – Ethik und Dekoloniale Methoden

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© Alexandra Enciu
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Im Kontext der ersten umfassenden Berliner Retrospektive zu Sarah Maldoror (1929–2020) lud Sinema Transtopia dazu ein, das Leben und die Arbeit dieser bedeutenden Pionierin des afrikanischen und afrodiasporischen Kinos kennenzulernen. Trotz ihrer mehr als 40 Filme blieb Maldoror in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt, was sich in den letzten Jahren international ändert. Am Freitag, dem 14. Juni, fand das Panel „Transnationale Archive – Ethik und dekoloniale Methoden“ statt. Annouchka de Andrade, Sarah Maldorors Tochter, Annabelle Aventuri, Archivarin und Filmprogrammiererin, und Karina Griffith, Filmemacherin und Künstlerin, diskutieren dort über ethische und dekoloniale Methoden in der Archivarbeit. Sie gingen auf die Fragen ein, wie Werke, die in transnationalen Produktionskontexten entstanden und kürzlich wiederentdeckt wurden, aufbewahrt, zugänglich gemacht und gezeigt werden können. Lisabona Rahman, Expertin für die Erhaltung und Präsentation bewegter Bilder, moderierte die fast zweistündige Veranstaltung.

Um 15 Uhr war noch im Vorderraum des Sinema Transtopia am Berliner S-Bahnhof „Wedding“ viel Gemurmel zu hören, während im eigentlichen Veranstaltungsraum nur drei Personen warteten. Ein Organisator lief sichtbar gestresst durch den Raum und prüfte Mikrofone und die Technik. Eine halbe Stunde später begrüßte das bescheidene Publikum das Panel.

„Care Work“ der Filme

In ihrer kurzen Präsentation erklärte Karina Griffith, dass das Programmieren von Filmen eine Art „Care Work“ sei, weil es darum geht, zu zeigen, wie Filme gemacht wurden, und sicherzustellen, dass diese Filme nicht in Archiven vergessen werden. Sie betonte, dass es eine kontinuierliche Arbeit sei und es dabei darum, um zwei Prinzipien gehen sollte: „Intrude“ (eindringen) und „Obtrude“ (aufdrängen). Auf der einen Seite müsse Archivarbeit dem Publikum erlauben, Einblicke in den Katalogen zu hinterlassen. Auf der anderen sollten sich Archivinstitutionen darum bemühen, die Räume leichter zugänglich zu machen: wie eine Art Bibliothek.

Annabelle Aventuri betonte außerdem, wie wichtig es sei, die Verbindungen und Beziehungen zwischen den beteiligten Personen nachvollziehbar zu machen. Sie hob hervor, dass diese präzise Kartierung der Akteure und Akteurinnen wesentlich dazu beiträgt, ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge zu erlangen.

Auch Annouchka de Andrade teilte ihre Erfahrung bei der Wiederfindung und Rekonstruktion der Filme ihrer Mutter und unterstrich die enorme Arbeit, die in Sortierung, Klassifizierung, Urheberrechtegewinnung und letztendlich Restaurierung hereinfließen. Jedoch fanden sie und ihre Schwester Henda Ducados diese Arbeit sei offensichtlich: „Es sind die Ergebnisse der Erziehung, die wir erhalten haben“.

Hürden und Hoffnungen

Die Archivarbeit komme jedoch nicht ohne Hürden: so wäre zum Beispiel für Annouchka de Andrade die Arbeit ohne einen Spezialisten nicht möglich gewesen. Karina Griffith ergänzte, dass Archive häufig eher wie „Gefängnisse“ wirken, aus denen Informationen nur schwer entweichen können und dass oft ethische Probleme auftauchen: „Filme bewegen sich auf eine Weise, die Menschen nicht können“, sagte sie und enthüllte damit, dass Filme manchmal restauriert werden, ohne dass das ursprüngliche Team davon weiß.

Ein ideales Archiv sei deswegen, laut den drei Referierenden, digital, öffentlich zugänglich und losgelöst von den Vorgaben des „Globalen Nordens“.

Alexandra Enciu