Schauplatz des dritten Weltkriegs

Schauplatz des dritten Weltkriegs

0 95

Der Ressourcenreichtum des Kongos ist der Zündstoff für den brutalsten Bürger- und Wirtschaftskriegs des 21. Jahrhundert. Als Verbraucher*innen profitieren wir täglich von dem Konflikt, der seither mindestens sieben Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Gespannt blickt die Welt auf die am 23. Dezember 2018 angekündigten Wahlen. Für jene, deren Heimat der Osten des Landes ist, wird dieser ein Tag wie jeder andere, denn Wahllokale wird es dort nicht geben. Sie leben in einem Niemandsland über den die Regierung in Kinshasa seit Jahrzehnten keine Kontrolle mehr hat und sind Gefangene des verheerendsten Kriegs unserer Zeit. Die landschaftliche Einzigartigkeit des Ostkongo – dichter, dunkler Regenwald und die rohstoffreichsten Gebirgen der Erde – bietet den Schauplatz für zahllose humanitäre Verbrechen von denen Menschen auf der ganzen Welt profitieren – insbesondere in den Industriestaaten. Machthungrige Warlords, eine korrupte Regierung und profitgierige Großkonzerne: Gegenseitig führen sie den dritten Weltkrieg auf dem Rücken der zivilen Bevölkerung.

Der Krieg werde erst enden, wenn die Mineralien ausgeschöpft sind, davon sind viele Überlebende überzeugt. Schätzungsweise sieben Millionen Menschen sind seit 1996 gestorben. Drei offizielle Kongokriege hat es gegeben, doch die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den Jahren dazwischen waren nicht weniger brutal. Das Grauen begann wohl als ein Nachbeben des Völkermord an den Tutsi in Ruanda. Zahlreiche Täter der Hutu-Mehrheit und Angehörige der ehemaligen ruandischen Armee flohen in den Kongo und fanden in den Wäldern im Osten Unterschlupf. Im Laufe der Jahre formierten sie sich unter dem Namen „Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas“ und wurden zu brutalen Akteuren der Kongokriege. Ihnen gegenüber steht die Rebellengruppe „M23“, die angeblich von den ruandischen Streitkräften unterstützt wird, die ugandische Guerillaorganisation „Allied Democratic Forces“ und schätzungsweise 30 weitere bewaffnete Gruppen. Sie alle terrorisieren und kontrollieren Städte und Dörfer, die Wälder und nicht zuletzt die Gold- und Erzminen.

Kongos Rohstoffe sind die Quelle des Krieges. Etwa 24 Billionen (!) Euro in Form von Mineralien wie Gold, Zinn, Kupfer, Kobalt und Coltan stecken in den Böden des Landes. Ein gigantisches Vermögen, das die DR Kongo in der Theorie zum reichsten Land der Welt macht. Praktisch dagegen lebt der Durchschnitt von einem Jahreseinkommen von knapp 380 Euro. Diese Situation ist auch vor dem Hintergrund der kolonialen Ausbeutung durch den belgischen König Leopold II. (1888-1908) und Belgien (1910-1960) sowie dem Regime des zaireischen Herrschers Mobutu (1965-1997) zu sehen. Das Land und seine Bevölkerung kennt keinen funktionierenden Staat, kennt kein Vertrauen in staatliche Institutionen wie Polizei, Militär, Justiz oder Parteien. Schon die Belgier und Mobutu bereicherten sich vorrangig an den natürlichen Ressourcen des Landes. Zweitrangig blieb der Aufbau eines stabilen, staatlichen Systems und der Wohlstand der Bevölkerung.

In Form von Korruption besteht der Ausverkauf des Kongo weiter. Coltan ist der zentrale Rohstoff für die wachsende Informationstechnik und in jedem einzelnen Mobiltelefon und Computer verbaut. Etwa 80 Prozent der weltweiten Reserven befinden sich in den Böden Ostkongos. Hinzu kommen Kupfer, Kobalt und diverse andere seltene Mineralien, wie sie für Fahrzeugbatterien und andere elektronische Geräte gebraucht werden. Es sind vor allem westliche und asiatische Großkonzerne, die sich die Mehrheit der Abbaulizenen in den rohstoffreichen Provinzen Nord- und Süd-Kivu und Katanga gesichert haben. Die Regierung in Kinshasa hat sie zu regelrechten Spottpreisen verscherbelt. Dass die Bergbauregion bewohnt ist, kümmert weder die Politik, noch die Minenbetreibenden. Die Bevölkerung wird kurzerhand verdrängt und zur Umsiedlung gezwungen. Die Zahl der dadurch Vertriebenen wird auf 4,5 Millionen geschätzt. Entschädigungen erhalten sie keine, so legen es die Lizenzverträge fest. Für Rohstoffhändler, wie die Schweizer Glencore, die kanadische Banro oder die chinesische Citic Metal, ist der Kongo ein (schmutziger) Glücksfall. Nirgends auf der Welt fahren sie derart satte Gewinne ein, denn selbst die Steuerlast für Ausfuhren ist lächerlich gering. Billige Rohstoffe für die Weltwirtschaft von denen am Schluss auch die Endverbraucher – also wir alle – profitieren.

„Die Jagd nach den Mineralien ist der größte Kriegstreiber“, urteilt der Wirtschaftsprofessor und Ostkongoexperte Dr. Raúl Sánchez de la Sierra. Seit mehr als 20 Jahren finanzieren sich die gewalttätigen Rebellengruppen, auf einer Fläche so groß wie Westeuropa, durch wilden Bergbau. Zugang verschaffen sie sich durch gegenseitige Überfälle in wechselnden Bündnissen und Massaker an der Zivilbevölkerung, die mit jedem Jahr grausamer werden und ebenso zerstörerisch wirken wie eine Bombe. In den unendlichen Konfliktwirren des Ostkongo kann sich die zivile Einwohnerschaft nicht einmal mehr auf die staatliche Armee verlassen. 2012 überfielen Soldaten aus Frust nach einem missglückten Manöver den Ort Minova, brandschatzen sämtliche Häuser und vergewaltigen wahllos. Die Rebellengruppen nutzen Massenvergewaltigung als Kriegswaffe, vernichten zielgerichtet Männer und Kinder oder nehmen sie als Gefangene, damit sie in den Milizminen schwerste Sklavenarbeit verrichten. Konfliktressourcen bezeichnen Menschenrechtsorganisationen, die auf diese Weise gewonnenen Rohstoffe. Sie sind bis zu 60 Prozent günstiger, gelangen unaufhaltsam in den globalen Rohstoffhandel und damit auch in sämtliche Elektronik in unseren Haushalten.

Im Jahr 2014 legten 1.500 Unternehmen auf Verlangen der US-Regierung erstmals Berichte vor, die enthüllten aus welchen kongolesischen Quellen die Konzerne Rohstoffe beziehen. Der Blick auf die Lieferketten brachte Größen wie Apple, Sony oder Google in Erklärungsnot. Alle drei genannten berichteten, nicht zweifelsfrei ausschließen zu können, dass verwendete Mineralien aus Milizenminen stammen. Apple bezifferte seine Rohstoffe aus nachweislich konfliktfreien Quellen auf 80 Prozent. Damit lieferte der Technologieriese einen eher konkreten Bericht. Andere Unternehmen veröffentlichten nur wenige, wage Informationen und bemühten sich kaum ihre Zulieferketten transparent zu gestalten. Elektronikteile, Geräte und Produkte dieser Marken werden weiterhin im Handel verkauft und landen in den Haushalten zumeist ahnungsloser Verbraucher_innen, die mit ihren Kaufentscheidungen den Verlauf des dritten Weltkriegs unterstützen und vorantreiben.

Janie Steinke

titel_lonam_oktober2018Ein Beitrag aus der LoNam-Ausgabe 05/2018 mit dem Schwerpunkt „Machtwechsel in DR Kongo“

Ähnliche Beiträge