Umbenennungsanträge mehren sich

Umbenennungsanträge mehren sich

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Für 2021 stehen in vielen Gemeinden Entscheidungen an, wessen in den Namen ihrer Straßen, Gebäuden und Plätzen gedacht werden soll.

Noch immer gibt es in zahlreichen deutschen Städten Orte und Straßen, deren Namen an Akteur*innen oder Ereignisse der Kolonialzeit erinnern. Heute stuft man viele der Personen, die damals politisch, wirtschaftlich oder auch militärisch einflussreich waren, als Verbrecher*innen ein.  Da Benennungen von Straßen, Plätzen oder auch Gebäuden als öffentliche Würdigung und Ausdruck der Hochachtung für den*die Bezeichnete*n verstanden werden, muss gerade dann, wenn sich die historische Bewertung eines Ereignisses oder einer Person verändert, auch solche Namen in unseren Stadtbildern überdacht werden. 2020 wurden in mehreren deutschen Städten ernst zu nehmende Kampagnen und Petitionen für Umbenennungen gestartet, und auch politisch sind gerade zu Ende des Jahres noch mehrere Anträge bei den Verwaltungen eingegangen, die uns und vor allem regionale Bewohner*innen in naher Zukunft beschäftigen werden.

Dass Straßen und Orte bisweilen aufgrund der Neubewertung von Handlungen, Personen, Ereignissen umbenannt werden, ist dabei nichts Neues. Um 1920 wurden an verschiedenen Orten  Straßen, Plätze oder Gebäude umbenannt, die an die einstige monarchistische Staatsverfassung erinnerten. Nach 1945 versuchte man im Rahmen der Entnazifizierung weitgehend konsequent bestimmte Benennungen aus dem öffentlichen Raum verschwinden zu lassen. In Dortmund beispielsweise wurde aus der Adolf-Hitler-Allee die Hainallee, aus der Straße der SA die Hohestraße und aus dem Horst-Wessel-Platz der Nordmarkt.

Im gleichen Zuge tilgte man damals auch gleich Benennungen, die Personen, die mit der Geschichte des deutschen Kolonialismus, mit aggressiver imperialistischer Politik und mit rassistischer Ideologie verbunden sind, würdigten. Allerdings war man, das ist heute unübersichtlich, dabei sehr viel weniger konsequent. Nach wie vor finden sich koloniale Symbolfiguren wie Peters, Wissmann, Nachtigal im öffentlichen Raum so mancher deutschen Stadt.

Seit Jahrzehnten bemühen sich örtliche Initiativen darum, solche Namensgeber*innen endlich zu ersetzen. Und endlich kommt Schwung in diese Anliegen, spätestens, seit die öffentliche Aufmerksamkeit für Ungerechtigkeiten, auf die nicht zuletzt die Black Lives Matter Bewegung und diverse Ereignisse des Jahres 2020 den Fokus richteten, um ein vielfaches größer ist. Endlich beziehen neben besagten Initiativen, Privatpersonen und NGOs auch lokale Vertreter*innen politische Parteien in diesen Diskussionen Position. Und so kommt es, dass nun in mehreren Städten bereits Umbenennungs-Anträge vorliegen, über die 2021 entschieden werden soll.

  • In Dortmund beantragt die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in der Bezirksvertretung eine neue Namensgebung für die Nettelbeckstraße. Joachim Christian Nettelbeck war als Obersteuermann niederländischer Sklavenschiffe am Menschenhandel zwischen Westafrika und Amerika aktiv beteiligt. Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum meint: „Wir nehmen den Faden der Diskussion um die Verbrechen der kolonialen Vergangenheit, wieder auf. Der Bewohnerschaft der Nordstadt mit weit über 50 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund, darunter zunehmend mehr Afrikanisch-Stämmige, ist es nicht zumutbar, dass sie mit einer unkommentierten Würdigung einer fragwürdigen Person der deutschen Geschichte konfrontiert wird.“ Auf der Suche nach einem neuen Straßennamen, sollen die Nordstädter*innen nun mit beteiligt werden.
  • In Erfurt startete die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland gemeinsam mit Decolonize Erfurt im März 2020 eine Umbenennungskampagne für das Nettelbeckufer mit viel Engagement; sie schlagen Gert Schramm als neuen Namensgeber vor. Im Jahr 1928 am Nettelbeckufer 15 geboren, wurde der 15-jährige Gert Schramm wegen seiner afrodeutschen Herkunft im KZ Buchenwald interniert. mEr kämpfte zeitlebens gegen das Vergessen und um sich greifenden Rechtsextremismus. Im Jahr 2014, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
    In einem offenen Brief sprachen sich 32 Persönlichkeiten aus Stadt und Land für die Umbenennung aus; von der Gedenkstätte Buchenwald gab es ebenfalls eine Solidaritätsbotschaft. Eine Petition für die Neubenennung als Gert-Schramm-Ufer wurde von über 1000 Erfurter*innen sowie 1300 auswärtigen Befürworter*innen unterzeichnet. Doch auch die AfD wurde aktiv und sammelte rund 400 gültige Unterschriften für einen Einwohner*innenantrag mit der Forderung: „Das Nettelbeckufer wird nicht umbenannt.“ Der Erfurter Stadtrat hat den AfD-Antrag Mitte Dezember mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Die Fraktionen von Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen und Mehrwertstadt unterstützen im Stadtrat das Anliegen der Umbenennungsinitiative. Auch die Medienberichterstattung war groß. Doch eine endgültige Entscheidung steht noch aus.
  • In Berlin Neukölln hingegen ist die Umbenennung der Wissmannstraße beschlossene Sache. Herrmann von Wissmann war Befehlshaber der ersten deutschen Kolonialtruppe, die einen Landkrieg in Afrika führte, und somit 1889 und 1890 verantwortlich für die Niederschlagung der wehrhaften Küstenbevölkerung in Ostafrika. Obwohl er damals in Deutschland für seinen militärischen Erfolg gefeiert wurde, ist heute die Grausamkeit seiner Kriegsführung das, was in Erinnerung bleibt.
  • Nachdem Vorschläge aus der Bevölkerung für eine neue Namensgebung gesammelt wurden, verkündete das Bezirksamt Neukölln Ende November, dass die Straße nun nach der ersten Frau in einem tansanischen Regierungskabinett benannt werden soll: Ministerin Lucy Lameck (1934-1993). „Sie brachte Frauenrechte in Tansania voran und war eine wichtige Unterstützerin der panafrikanischen Idee“, teilte das Bezirksamt mit. Die Umbenennung schon soll im Frühjahr stattfinden, während es für die bereits im August beschlossene Umbenennung der M*Straße in Wilhelm-Amo-Straße (wir berichteten) in Berlin Mitte noch immer keinen Termin gebe.
  • Auch in der brandenburgischen Kleinstadt Eberswalde wurde mit Bezug auf die Erfurter Kampagne darüber diskutiert, den Bahnhofsvorplatz nach Gert Schramm zu benennen, den Ort, an dem der Bundesverdienstkreuzträger lange Jahre sein Taxi stehen hatte. Außerdem reichten Ende des Jahres die Fraktionen von Bürger für Eberswalde, Die Linke, SPD und Bündnis 90/Die Grünen zum 30. Todestag von Amadeu Antonio Kiowa eine Beschlussvorlage ein, die zum Ziel hat, eine Informationstafel über das Leben und den Tod von Amadeu Antonio an der Eberswalder Straße zu installieren, da es wichtig sei, auch kommende Generationen über diese rassistische Tat und den damit verbundenen tiefen Einschnitt für die Eberswalder Stadtgesellschaft zu informieren.

Es sind also nicht nur die großen Städte, in denen sich Namen finden, bei denen man durchaus hinterfragen kann und sollte, ob sie unseren heutigen Werten und unserem Weltbild entsprechen, und Namensgeber*innen, bei denen man überlegen muss, in welcher Art und Weise ihrer gedacht werden soll. Ziel – das wird in so ziemlich jeder der Umbenennungskampagnen angesprochen, soll es nicht sein, die Erinnerung an historische Geschehnisse komplett auszulöschen. Es ist eine Frage des Wie und Wodurch. Wen stellt man in den Fokus? Täter*innen oder Opfer? Vertreter*innen einer Ideologie oder Widerstandskämpfer*innen? Denker*innen oder Militärs? Es gibt viele Möglichkeiten. Decolonize Erfurt beschäftigte sich in ihrem Jahreabschlussbericht selbstkritisch mit Einwänden von Bürger*innen. „Wir wollen eine Erinnerungskultur, in der sowohl für die Menschheitsverbrechen des Kolonialismus und des NS als auch für das Unrecht der DDR und die Unrechtserfahrungen nach 1989 Platz ist. Nur so lassen sich die Gräben überwinden, die die Hetzer*innen und Spalter*innen jeden Tag von Neuem ausheben.“ Sie finden, der Publizist Henryk Goldberg bringe auf den Punkt: „Von der Hitler-Zeit erzählen, zum Beispiel, die Thälmannstraße und eben die Stauffenbergallee, auch ohne Hitler-Straßen.“ Achten Sie doch auch mal in Ihrer Umgebung darauf, wie dort unser aller Geschichte gedacht wird, wer wie und wo gewürdigt wird. Sind Sie einverstanden?

 

Julia Bittermann

Dieser Beitrag wurde ursprünglich in unserem gedruckten Februar/März 2021-Ausgabe veröffentlicht.