Urban Africa, Urban Movies: Politics & Revolution – AFRIKAMERA 2020 als Online...

Urban Africa, Urban Movies: Politics & Revolution – AFRIKAMERA 2020 als Online Edition

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Heute in einer Woche startet das diesjährige AFRIKAMERA Filmfestival in einer online Edition und verwöhnt uns vom 17. bis 22. November mit einer enormen Auswahl interessanter Filme. Wir stellen Euch den thematischen roten Faden anhand einer Auswahl der Filme vor...

Ein Klassiker des 2019 verstorbenen Filmemachers Med Hondo: SARRAOUNIA. © AFRIKAMERA

Interessanterweise nimmt sich das diesjährige AFRIKAMERA Filmfestival ähnlichen Themen an wie die LoNam in ihren aktuellen Titel-Sektionen. Zum einen präsentiert das Festival eine beachtliche Auswahl aktueller wie historischer Spiel- und Dokumentarfilme zu gesellschaftlichen Umbrüchen und kolonialer Aufarbeitung auf dem Kontinent anlässlich des 60. Jahrestages der Unabhängigkeit in zahlreichen afrikanischen Staaten in diesem Jahr. Wie wir es in der aktuellen LoNam Ausgabe tun, lenken diese Filme den Blick auf die oft viel aktivere Rolle, die die einzelnen Länder in ihrer Unabhängigwerdung spielten, als dies aus europäischer Sicht meist eingeräumt wird, und zeigen vor allem afrikanische und sehr persönliche Perspektiven.

© AFRIKAMERA
© AFRIKAMERA

So zeichnet am ersten Festivalfreitag die Dokumentation FAHAVALO, MADAGASCAR 1947 (Madagaskar / Frankreich / Belgien / Kap Verde / Katar 2018 I 20.11.) mit Hilfe von Archivmaterial und Zeitzeug*innenberichten die Hintergründe des sogenannten „Madagaskar-Aufstands“ (Insurrection malgache) gegen die französische Kolonialbesatzung nach. Der Guerillakampf der lokalen „Fahavalo“ („Feinde Frankreichs“), die nur mit Speeren und Talismanen bewaffnet gegen die französischen Besatzer kämpften, konnte erst im Dezember 1948 niedergeschlagen werden. Der Aufstand bildet bis heute ein zentrales Ereignis im kollektiven Gedächtnis Madagaskars, das in diesem Jahr den 60. Jahrestag seiner Unabhängigkeit begeht. (Q+A via Zoom)

Auch ein echter Filmklassiker des 2019 verstorbenen französisch-mauretanischen Filmemachers Med Hondo greift als Reenactment den Kampf von SARRAOUNIA, der sagenumwobenen Königin der Azna gegen eine koloniale Terrormission Frankreichs Ende des 19. Jahrhunderts auf. Episch inszeniert und inspiriert vom gleichnamigen Roman des nigrischen Schriftstellers Abdoulaye Mamani ist der burkinisch-französische Historienfilm und Fespaco-Preisträger eine cineastische Perle afrikanischen Kinos der 80er Jahre. (Foto: siehe oben)

© AFRIKAMERA
Ein Roadmovie durchs namibische Outback: INVISIBLES. © AFRIKAMERA

Doch natürlich geht es auch um Revolten neuerer Zeit. In seinem Kurzfilmprogramm REVOLUTIONARY SHORTS präsentiert AFRIKAMERA eine Auswahl herausragender aktueller Kurzfilme aus Afrika, darunter INVISIBLES (KAUNAPAWA) von Joel Haikali (Namibia 2019 I 21.11.), ein rauschhafter Roadmovie, in dem sich ein Paar auf eine Reise durch das namibische Outback macht, um über sich selbst und seinen Platz in der PostApartheid-Gesellschaft zu reflektieren. (Q+A via Zoom)

Im ethnologischen Dokuwestern DAYS OF CANNIBALISM (Frankreich / Niederlande / Südafrika 2020 I 21.11.) geht es um die Umwälzungen, die die Globalisierung mit sich bringt. In Gestalt von chinesischen Wirtschaftsmigrant*innen ist sie mittlerweile auch im rauen Hinterland von Lesotho im Distrikt Thaba-Tseka spürbar und fordert traditionelle Wertesysteme heraus.  Regisseur Teboho Edkins porträtiert dabei die entstandenen Parallelgesellschaften – chinesische Händler*innen auf der einen Seite, die Basotho, traditionelle Viehzüchter, auf der anderen Seite, ohne in simplen Dualismus zu verfallen. Ihm gelingt so eine eindrückliche Studie über gesellschaftliche Machtgefälle und latente Gewalt. (Q+A via Zoom)

Dass auch politische Wahlen mitunter zu gesellschaftlichen Umbrüchen und revolutionsartigen Bewegungen führen, ist in diesen Monaten aktueller zu spüren denn je. Und dabei sollte der Blick nicht nur in Nordamerika und Europa verhaftet bleiben: Wir blicken in der kommenden LoNam (Dezember-Ausgabe) auf die zahlreichen Wahlen in afrikanischen Ländern, die mit Turbulenzen und bisweilen bizarren Ereignissen in Wahlkämpfen und unklaren Verhältnissen nach den Ergebnissen im Begriff sind, dem Jahr 2020 das gebührende Ende angedeihen zu lassen.

© AFRIKAMERA
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Auch AFRIKAMERA greift diesen Zusammenhang filmisch auf. Die Dokumentation APRÈS TA RÉVOLTE, TON VOTE! (AFTER YOUR REVOLT, YOUR VOTE) (Burkina Faso / Frankreich 2019 I 21.11.) von Kiswendsida Parfait Kaboré begleitet die Bewegung „Le Balai Citoyen“ (der Besen der Bürger), ins Leben gerufen von den Musikern Smockey und SamsK le JahNach im Zusammenhang mit dem ersten Regierungswechsel durch demokratische Wahlen in Burkina Faso. Die Bewegung ist die treibende Kraft hinter den Aufständen und zugleich ein Protestsymbol, mit dem die Straßen des Landes von Korruption gesäubert werden sollen. (Q+A via Zoom)

Der Dokumentarfilm SOFTIE (Kenia 2020 I 21.11.) über den politischen Aktivist Boniface „Softie“ Mwangi begleitet dessen Weg vom Aktivisten hin zum Kandidat bei den Parlamentswahlen. Als Softie versucht, eine saubere Kampagne gegen seine korrupten Gegner zu führen, gerät er samt seiner Familie immer stärker unter Druck… SOFTIE feierte seine Premiere beim Sundance Festival 2020 und wurde dort mit einem World Cinema Documentary Special Jury Award ausgezeichnet. (Q+A via Zoom)

Da das noch längst nicht alle Filme des Festivals sind, empfehlen wir Euch einen Blick ins Programm zu werfen. Mit Sicherheit werdet Ihr Euch vor lauter interessanten Themen kaum entscheiden können. Die Filme kosten online 3 Euro zzgl. Geb. und sind in Deutschland zu sehen, jeweils vom Starttermin des Films bis Festivalende (22. Nov. 2020).

Julia Bittermann