Wo kommst du wirklich her?

Wo kommst du wirklich her?

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Das interkulturelle Frauenzentrum S.U.S.I. in Berlin zeigte am Abend des 17. Novembers 2014 den Kurzfilm „Wo kommst du wirklich her?“, der die Erfahrungen von jungen Menschen mit Migrationsvordergrund in New York und Berlin zeigt. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Bildungsprojekts with Wings and Roots statt.

Regisseurin Christina Antonakos-Wallace mit Pascal und Regina von "with Wings and Roots" (von links), Foto: Afrika Medien Zentrum

Wo kommst du wirklich her? Diese Frage wird Kindern von Migrant_innen auch nach Jahrzehnten in Deutschland noch häufig gestellt und wahrscheinlich haben sie sich auch selbst schon oft mit der Frage nach ihrer Identität auseinander gesetzt. Das Bildungsprojekt with Wings and Roots möchte festgefahrene Debatten über Integration, Zugehörigkeit und Identität wieder besser zugänglich machen. Im Rahmen der Initiative wurde deswegen der Kurzfilm „Wo kommst du wirklich her?“ gedreht, in dem zehn junge Erwachsene über ihre Geschichten und Erfahrungen als Kinder von Migrant_innen sprechen. Der Film spielt in Berlin und New York. Die Protagonist_innen kommen ursprünglich unter anderem aus Eritrea, Vietnam, der Türkei, Kolumbien und dem Iran. Sieben Jahre arbeitete das Team rund um Regisseurin und Produzentin Christina Antonakos-Wallace an dem Kurzfilm, der nun in Bildungskontexten und mithilfe neuer Medien Integration aus den Augen der zweiten und dritten Generation wiederspiegeln soll.

In Deutschland leben heute etwa 16,5 Millionen Menschen mit Migrationsvordergrund. Der Großteil davon hat einen deutschen Pass. In „Wo kommst du wirklich her?“ erzählen Kinder von Migrant_innen aus Deutschland und den USA von ihren Erfahrungen mit Rassismus in der neuen Heimat, auf den weder sie noch ihre Eltern vorbereitet gewesen waren. Sie hatten oftmals das Gefühl, nirgends dazu zu gehören. Ein junger Berliner berichtet: „Hier nennt man mich Ausländer und sagt, ich soll zurückgehen, aber wenn ich in Vietnam bin, bin ich auch ein Ausländer“. Die jungen Menschen im Film gehen ganz unterschiedlich mit der Frage der Zugehörigkeit um. Eine junge Frau erklärte, dass sie jahrelang nichts mit ihrer kolumbianischen Herkunft zu tun haben wollte. Sie wollte einfach in ihrer neuen Heimat ankommen und ganz amerikanerin sein. Heute sieht sie sich als Weltbürgerin, die sich überall auf der Welt zuhause fühlen kann. Eine Stimme aus dem Publikum sah darin die Gefahr, nie wirkliche Integration zu erreichen. Die Referentinnen von with Wings and Roots interpretierten diese Aussage jedoch eher als Chance, eine ganz neu definierte Art von Integration zu erreichen, in der künstliche Konstrukte wie Nationalität keine Rolle mehr spielen, sondern der Mensch als Individuum in den Vordergrund rückt.

Der Film zeigt außerdem, dass Traditionen von emigrierten Familien oftmals sehr viel strenger ausgelebt werden als im Heimatland. Grund dafür ist, dass an den alten Bräuchen festgehalten wird, um seine Wurzeln nicht zu verlieren. In den jeweiligen Ländern bleiben die Bräuche jedoch nicht gleich, sondern entwickeln sich kontinuierlich weiter. Das in fremden Ländern Erhaltene hat so mit der Zeit nicht mehr viel mit den im Heimatland aktuell praktizierten Bräuchen zu tun. Die Regisseurin des Dokumentarfilms Christina Antonakos-Wallace nahm ebenfalls an der Filmvorführung teil und stand den interessierten Zuschauer_innen im Anschluss an den Film Rede und Antwort. Sie selbst ist Amerikanerin mit griechischen Wurzeln und gab auch einen Einblick in ihre persönlichen Erfahrungen. Auch sie konnte den oben genannten Trend aus eigener Erfahrung bestätigen. „Traditionen entwickeln sich kontinuierlich“, erklärte Christina, „sie entwickeln sich in Griechenland unter Griechen genauso wie sie Griechen unter Amerikanern entwickeln. Das Ergebnis mag nicht dasselbe sein, aber der Prozess ist natürlich und wichtig, um zu wachsen und sich zu entwickeln.“ Eine Zuschauerin erklärte zustimmend: „Ich koche ja auch nicht mehr dasselbe wie meine Oma, trotzdem schmeckt es.“
Das Publikum stimmte dem Grundtenor des Films zu. Sie sagen ja zu Integration, aber nein zu Assimilation. Sie wollen ihr kulturelles Erbe beibehalten und auch an ihre Kinder weitergeben, ohne jedoch das Eine über das Andere zu stellen.

Weitere Informationen zum Projekt und den Film auf DVD gibt es auf www.withwingsandrootsfilm.com.

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