Zwischen Reiseberichten und Traumaverarbeitung

Zwischen Reiseberichten und Traumaverarbeitung

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Afrika auf der Leipziger Buchmesse. Zwei Begegnungen über Mosambik und Togo.

Mia Couto mit Übersetzung, Foto: A. Boulnois

Auf der Leipziger Buchmesse, die vom 23.-26. März in den Messehallen zusammen mit der Manga Convention stattfand, muss ich – auch gut vorbereitet – sehr suchen, bis ich auf Literatur, Geschichten und Autor_innen aus Afrika stoße. Getroffen habe ich neben vielen anderen interessanten Gesprächspartner_innen Margret Kopp und Mia Couto.

Ein (zu-)hörender Geschichtenerzähler

Mia Couto, 1955 in Mosambik geboren, stellte in einem Gespräch seine neue Trilogie vor, deren erster Band „Imani“ im Juli beim Unionsverlag auf Deutsch erscheinen wird. In seinen Werken geht es häufig um Grenzen und deren Überschreitung. Er wurde als wahrscheinlicher Anwärter auf den diesjährigen Nobelpreis vorgestellt. Seine Bedeutung für das portugiesisch-sprachige Afrika und auch Portugal zeigt sich nicht zuletzt an der Anwesenheit des mosambikanischen und des portugiesischen Botschafters im Publikum. Sich selbst bezeichnet der Autor als „einen Hörenden“.

In der aktuellen Trilogie über die letzten Jahre des Herrschers Ngungunyane Ende des 19. Jahrhunderts, beschäftigt er sich, nach eigener Aussage, mit Erinnerungen und deren Konstruktion. Der Herrscher in seinem Buch ist zufrieden mit der Geschichtsschreibung, die zwischen Portugal und ihm zu jener Zeit entstanden ist. Dabei gilt: „Mythen sind von den Siegenden geschrieben“. Es geht dem Autor um den Moment der Nationenbildung Mosambiks, um die Auswahl der Dinge, die erinnert werden und die, die vergessen werden sollen. Gerade letzteres ist für Couto der wichtigere Moment, um dieses hohe Ziel zu erreichen: eine Akzeptanz für Vielfältigkeit und unterschiedliche Vergangenheiten zu schaffen.

Diese Vielstimmigkeit von Erinnerung setzt er auch in „Imani“ um. Die Geschichte wird zumeist aus der Sicht von zwei Hauptcharakteren erzählt, die beide auf unterschiedliche Weise Grenzgänger sind. Zum einen spricht Imani, eine unverheiratete Frau. Zum anderen ein Soldat, der sich an der Front befindet. Obwohl es eine Kriegsgeschichte ist, werden keine Schlachten beschrieben, sondern Erlebnisgeschichten innerhalb Imanis Familie erzählt.

Auf Nachfrage der Moderatorin erzählt Couto, dass er seine eigenen Erfahrungen eingearbeitet hat. Sein halbes Leben habe er im Krieg verbracht, in dem der Gegner so konstruiert werde, dass er getötet werden kann. In Imanis Vater, der den Kriegsverlockungen durch Musik und Naturverbundenheit widersteht, hat er sich selbst beschrieben und verarbeitet seine „Erfahrung auf der Insel“ – seiner eigenen Zuflucht vor dem Krieg. Es gibt nur eine hauchdünne Grenze zwischen Krieg und Frieden, zwischen Leben und Tod, stellt die Interviewende fest, um die Frage anzuschließen, ob es stimme, dass er seine eigenen Ahnen erfinden musste, da er ohne weitere Familienangehörige in Afrika aufwuchs. Mit dem Hinweis, dass der Botschafter Mosambiks anwesend sei und er keine Lügengeschichten erzählen könne, beginnt er von seiner Kindheit und seinen Eltern zu berichten. Als Kind von Einwanderern, die gezwungen waren zu gehen, bestand für ihn nur eine fiktive Beziehung zu den zurückgebliebenen Verwandten. Diese existierten nur durch die Geschichten seiner Eltern. Mit sieben Jahren sah er seinen Vater, einen Dichter, zum ersten Mal weinen, da dessen Vater gestorben war. Als sein 7-jähriges Ich nachfragte, antwortete sein Vater: „Er ist dort gestorben, aber bei uns bleibt er“.

Zum Abschluss bittet ihn die Moderatorin um eine weitere Geschichte. Vor acht Jahren wurde er als Biologe in eine Gemeinde in Mosambik gerufen, weil eine Schlange im Verwaltungsgebäude war, die Nacht für Nacht die Nationalhymne sang und Menschen angriff. Da er auch an der Nationalhymne mitgewirkt hat, fragte er augenzwinkernd, ob die Schlange besser sang als er selbst. Die Schlange wurde getötet und die Bauern der Region gefragt, ob dies die Schlange sei. In ihrer Antwort, „Ja, fast!“, sieht Couto einen Beitrag zur Philosophie.

Entwicklungshilfe ohne die Menschen vor Ort ist nicht nachhaltig

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Margaret Kopp von Togo Contact, Foto: A. Boulnois

Die Messe ist vielseitig und bietet eine wahre Fülle an unterschiedlichen Eindrücken. Stände mit außereuropäischen Schwerpunkten sind selten anzutreffen, nur in Halle 3 zwischen den Reisebuchverlagen fällt der Stand von Togo-Contact sofort ins Auge. Am Stand treffe ich auf die Chefin der Maisacher Togohilfe und Autorin von „Hinterm Baobab rechts runter“ Margret Kopp und ihren Mann. Sie gibt bereitwillig Auskunft über den Hilfsverein und ihre fast 35 Jahre Erfahrung in Togo. Ihre Lesung, die Erste dieser Art, zu der sie sich durchgerungen hat, findet vor rund 30 Interessierten auf der Sachbuch-Bühne statt.

Der Titel des Buches ist eine klassische Wegbeschreibung in Regionen, in denen es keine markanten Gebäude oder Landmarken gibt. Die Frage, wie sie zum ersten Mal nach Togo kam, beantwortet sie nicht, sondern erwidert geheimnisvoll, dass es eine lustige „etwas andere“ Geschichte ist. Mit einem Verweis auf ihr Buch belässt sie es dabei. Aus diesem liest sie zwei Geschichten vor, in denen die Bandbreite der Erfahrungen ersichtlich wird. In der ersten, eher lustigen Geschichte, schickt sie aufgrund eines Missverständnisses den Präfekten, den sie selbst treffen wollte, mit einem Gast auf Besichtigungstour eines Reliktes aus der Kolonialzeit. An dieser Stelle wird deutlich, dass es sich nicht nur um eine Geschichtensammlung handelt, denn neben diesen gibt es zu vielen Orten, Personen und Historischem einen bebilderten Informationstext. Im zweiten, eher nachdenklichen Text, verewigt sie Freire Raphael, der sie u.a. bei einem Schüleraustausch sehr unterstützte. Er starb kurz danach an den Folgen eines Autounfalls, was ihr die eigene Hilflosigkeit vor Augen führte. Vor ihrer Abreise besuchte sie ihn im Krankenhaus und beschreibt im Buch den schlimmen Zustand dort.

Den Geschichten und Erzählungen ist anzumerken, dass Frau Kopp zum einen sehr begeistert ist von Togo und den Menschen, die sie dort kennenlernen durfte, zum anderen, dass sie die Situation im Gesundheits- und Bildungssektor in Togo sie sehr beschäftigt. Die Organisation arbeitet mit Ärzten des regionalen Partnervereins Aimes Afrique zusammen. In einer dritten, sehr persönlichen Tagebuchaufzeichnung von Barbara Zinstag, der Zweiten Vorsitzenden, wird die Realität der Ärzte, die in Ortschaften fahren und kostenlose Untersuchungen und Operationen anbieten, erzählt. Es gibt nur 600 Ärztinnen und Ärzte für fast 7 Millionen Einwohner_innen in Togo. Dass die kostenlosen Behandlungen teilweise die ersten und einzigen für viele Menschen außerhalb der Städte sind, erscheint bei einem solchen Verhältnis nicht unwahrscheinlich. Auf eine Nachfrage aus dem Publikum erklärt sie, warum sie mit Ärzten vor Ort zusammenarbeite und nicht mit europäischen: „Erstens, gibt es dann immer den Eindruck, es funktioniert halt nur, wenn die Weißen da sind und die Schwarzen können es nicht. Was ja nicht stimmt. Die Schwarzen haben eine ebenso gute Ausbildung wie unsere Ärzte, da sie den Facharzt in Europa machen müssen.“ Aber sie hätten in Togo nicht die gleichen Möglichkeiten ihr Wissen anzuwenden, genau hier setze das Engagement der Organisation an.
„Die Menschen müssen Dinge selbst in die Hand nehmen“, sagt Kopp, um Hilfe zur Selbsthilfe wirksam zu gestalten. Dabei unterstützen sie auch, wie im Fall von Aimes Afrique, regionale Initiativen. Sie schließt die kurzweilige Veranstaltung mit dem Hinweis an das fast ausschließlich Weiße Publikum: „Afrika ist unser Nachbarkontinent, es ist ein wichtiger Kontinent. Nehmen Sie mit, dass Sie sich damit beschäftigen, dass Sie sich damit auseinandersetzen und dass Sie da unterstützen, wo Sie können.“

Patrick Addai mit seiner Kalebasse, Foto: A. Boulnois
Patrick Addai mit seiner Kalebasse, Foto: A. Boulnois

Beim weiteren Wandeln durch die unterschiedlichen Hallen begegnete mir in der Lesebude für das jüngere Publikum Patrick Addai, der eine „Kalebasse voller Weisheit“ lachend, erzählend und interaktiv präsentierte. Ansonsten ist der Afrikanische Kontinent nur in seinen Tourismushochburgen vertreten, es gab Reiseberichte über eine Tour rund um die Küsten des Kontinents und Kinderbücher, in denen es um Detektive und die Begegnungen zwischen Kulturen geht. Bei einem Sprachlernverlag erfuhr ich, dass Afrikanische Sprachen einfach zu uninteressant seien, um mehr als nur Swahili-Lehrmaterialien zu erstellen.

Anna Boulnois