Afel Bocoum und Alkibar

Afel Bocoum und Alkibar

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Seit über vierzig Jahren macht Afel Bocum Musik und ist ungefähr Mitte Fünfzig. Das war damals keine Selbstverständlichkeit, denn sein Vater, ein Meister der afrikanischen Violine, hat nach einem bösen Vorfall, eine Maraboutgeschichte, mit dem Spielen aufgehört und auch seinem Sohn die Musik als verfluchtes Omen dargelegt. Infolgedessen wurde Bocoum Agraringenieur und übte diesen Beruf auch eine Weile tatsächlich aus. Niafounke im Norden Malis am Fluss Niger gelegen ist Bocoums wie auch Ali Farka Tourés Heimat. Mit Touré spielte er viele Jahre in der Band ASCO. Afel Bocoum gehört zum Volk der Peul, die in den besseren Zeiten mit ihren Rinderherden grenzübergreifend Weideflächen suchten und zu den wohlhabenden Bewohnern des Landes gehörten. Heute ist der Norden von Trockenheit oder seltenen Überschwemmungskatastrophen geprägt. Auch ehrgeizige Bewässerungsprojekte können die Ausbreitung der Wüste nur mäßig aufhalten. Von diesem Land und seinen Herausforderungen singt er auch auf seiner neuen CD Tabital Pulaaku. Bocoum spielt die akustische Gitarre, eine Ovation, die schon mal an die Kora, die westafrikanische Harfe erinnert. In seinen Liedern geht es um politische Verantwortung, denn viele junge Menschen entfliehen der Aussichtslosigkeit auf Nimmerwiedersehen, wenn sie versuchen über die Wüste in Richtung Meer zu wandern, um eines der Boote zu erwischen, die für die Reise unzureichend ausgestattet sind. So wissen die Angehörigen in der Regel nicht, ob der Nachwuchs es geschafft hat in eines der Flüchtlingslager, in dem die nächste Odyssee beginnt. Afel Bocoum ist zum ersten Mal nach Berlin für ein Konzert ins Kesselhaus der Kulturbrauerei, einem großen Musikfest, zum Ende des Ramadans, geladen. Sie stehen zu sechst auf der Bühne. Gestandene Musiker, die mit allen Größen Malis bereits gearbeitet haben.

 

Nach über vierzig Jahren Musik möchte ich Ihnen die Frage nach den musikalischen Einflüssen der anderen Kontinente stellen.

Da muss ich überlegen. Das ist so lange her und selbstverständlich höre ich immer Musik. Sie verbindet die Welt. Aber damals waren Musiker wie Bob Marley für uns von Bedeutung. Kubanische Musik und auch Sängerinnen wie Nana Mouskouri haben wir gehört. Diese unterschiedlichen Musiker und Stile kamen zusammen, weil die Schallplatten auf irgendwelchen Wegen zu uns gelangten. Wir hörten nicht, was „in“ war, sondern was vorhanden war. Unsere Musiker waren nicht auf Platten gepresst. Da gab es Bänder, die in den Radiosendern gespielt wurden. Wir haben bis heute das Problem mit der Piraterie. Es gibt keine Solidarität unter den Künstlern, die sich so organisieren, dass sie die Rechte an ihrer Musik sichern und auf diese Weise vom Verkauf der CDs und der Konzerte leben können.

 

Sie singen in Songhai, Bambara, Tamascheck und auf Französisch. Worum geht es?

Es gibt sehr viele Missstände im Land. Die Entwicklung geht langsam voran. Unsere Kinder brauchen Schulbildung und Hilfe, damit sie später ihr Leben organisieren können. Sie sind die Schwachen. Wir alle, und natürlich die Verantwortlichen in der Politik müssen uns darum kümmern, dass sie bei uns eine Zukunft haben. Leider sind unsere Staatsmittel nicht ausreichend. Und die jungen Leute, die das Land verlassen, bedeuten große Verluste, denn vielleicht schafft es ein Prozent und die anderen bleiben verschwunden. Das ist ein sehr großes Problem für uns. Wir haben nichts zu bieten. Wir können sie nicht halten. Außerdem ist sind viele Zustände im gesellschaftlichen Bereich im Argen. Da sind die Zwangsehe und insgesamt die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Ich sage: Wenn du eine Frau betrügst, dann betrügst du alle Frauen.

 

Die Region im Norden Malis ist hierzulande weniger bekannt. Wo sind die Unterschiede zum Rest des Landes?

Unser großes Problem ist das Wasser. Wenn wir uns nicht ernähren können, weil unsere Anpflanzungen vertrocknen, dann bleiben wir nicht am Leben. Ich habe jahrelang als Agraringenieur gearbeitet. Da ging es um die Verbesserung der Anbaubedingungen, die Erhöhung der Produktivität. Ohne Maschinen und in erster Linie ohne Wasser, ist kaum etwas möglich.

 

Was wünschen Sie sich für heute und die Zukunft?

Afel Bocoum lächelt und überlegt.

Es ist mein erstes Konzert in Berlin. Ich freue mich sehr hier zu sein und ich möchte das Berliner Publikum kennen lernen. Ich bin ein bisschen neugierig auf die Stimmung.

 

 

Am Abend spielte Afel Bocoum vor einem begeisterten Publikum im Kesselhaus (Berlin). Aly Keita – nominiert für die Creole – begrüßt Bocoum im Publikum. Die Musiker Kipsi Bokoum – afrikanische Violine -, Yoro Cissé – Njurkel, eine zweiseitige Gitarre -, Ouma Dia – Bass -, Mamoudou Kelly – akustische Gitarre -, Ham Sankaré – Calebasse – und Afel Bocoum spielen ein exquisites Programm. Es sind Stücke der letzten CD Niger und der neuen CD. Dieses erste Konzert für die „Boten vom großen Fluss“ Alkibar ist ein voller Erfolg. Sie verstehen es die Menschen mit auf die Reise zu nehmen und zu entfachen. Es wird getanzt und gesungen, die Zugabe wird erklatscht und dann dürfen wir Zuschauer ein außergewöhnliches Calebassen-Solo erleben. Ham Sankaré macht aus dem organischen Halbrund mit Stöckchen und Handinnenflächen eine kleine Perkussionssensation. Das war eine sehr gute Begrüßung für Berlin. Gratulation Afel Bocoum und Alkibar.

Neu: Afel Bocoum: Tabital Pulaaku im Vertrieb von Contrejour, ca. 15 €

 

Karin Liersch

 

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