Afrikanische Kinowoche in Köln

Afrikanische Kinowoche in Köln

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Foto: Filminitiativ Köln

FilmInitiativ präsentiert alle zwei Jahre in Köln das Afrika Film Festival „Jenseits von Europa“ und dazwischen thematische und länderspezifische Sonderreihen. Das „Afrika Film Special“ in diesem Jahr widmet sich den Regionen Afrikas, in denen derzeit das dynamischste und vielfältigste Filmschaffen des Kontinents zu verzeichnen ist. Dazu gehören Nordafrika, wo in Folge der Revolten seit 2010 neue Freiräume für FilmemacherInnen entstanden sind, und Südafrika, dessen Kino zwanzig Jahre nach dem Ende des Apartheid-Regimes neue Formen und Inhalte entwickelt hat.

FilmInitiativ hat die gesellschaftlichen Umwälzungen in Nordafrika seit Anfang 2011 mit mehreren Filmreihen cineastisch begleitet und präsentiert vom 12. bis zum 15. September 2013 Produktionen vom „ersten post-revolutionären Filmfestival in Tunesien“, das im November 2012 in Tunis stattfand. Dabei spiegelten sich die quer durchs Land ausgetragenen Debatten um die zukünftige Gestaltung der tunesischen Gesellschaft auch in den Kinosälen wider, insbesondere die zentrale Kontroverse zwischen Islamisten und Säkularisten. Dies zeigte sich zum Beispiel bei der Vorführung des Spielfilms „Manmoutech“ von Nouri Bouzid, der zum Auftakt der Kölner Reihe zu sehen ist. Darin geht es um Fragen von Freiheit und religiösem Fanatismus, die auf differenzierte Weise am Beispiel zweier miteinander befreundeter junger Frauen erörtert werden. Eine von ihnen trägt in der Öffentlichkeit stets ein Kopftuch, die andere nicht. Aber beide müssen darum kämpfen, selbst darüber entscheiden zu dürfen, wie sie sich kleiden und wie sie leben wollen. So soll die eine ihr Kopftuch ablegen, um ihren Job in einem Restaurant nicht zu verlieren, während die andere von ihrem islamistischen Bruder gezwungen wird, das Kopftuch anzulegen. Das Publikum trug die Kontroverse um Bevormundung versus Selbstbestimmung im Kinosaal mit demonstrativem Beifall bei den jeweiligen Schlüsselszenen aus. Während die Mehrheit des Saals begeistert klatschte, als das eine Mädchen auf der Leinwand das ihr aufgezwungene Kopftuch abnahm, applaudierte eine Minderheit im Kino, als die Familie das Mädchen zwang, das Kopftuch wieder zu tragen.

Ähnlich engagiert reagierte das Publikum, als Mahmoud Ben Mahmoud (einer der Gäste in Köln) seinen Spielfilm „Le Professeur“ vorstellte. Obwohl der Film eine historische Begebenheit erzählt – die Verbannung von Oppositionellen in eine abgelegene Bergbauregion bei Gafsa in den 1970er Jahren – waren die aktuellen Bezüge für die ZuschauerInnen im überfüllten Kino „Le Colisee“ doch offenkundig. Denn Streiks der Arbeiter in den Phosphatminen rund um die südtunesische Stadt Gafsa im Jahr 2008 waren die Vorboten für die landesweite Revolte gegen die Ben Ali-Diktatur Ende 2010.

Um die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen im heutigen Algerien geht es in dem bemerkenswert intensiven Kurzspielfilm „Le Hublot“, den Regisseur Anis Djaad in Köln vorstellen wird. Aus Ägypten sind drei Regisseurinnen nach Köln eingeladen, die Filme über Kämpfe von Frauen um Selbstbehauptung und Freiheit gedreht haben. So wird die Regisseurin Iman Kamel ihre Dokumentation „Beit Sha’ar“ vorstellen – das Portrait einer Frau, die als erste aus ihrer weit verzweigten Nomadenfamilie auf dem Sinai eine Schule besuchen und sich ein Leben jenseits der ihr zugewiesenen Frauenrolle aufbauen konnte. In dem Kurzfilm „Catharsis: A Self Portrait“ zeigt die ägyptische Filmstudentin Alia Ayman, wie sie den von ihrer konservativen Familie auferlegten Zwängen zu entfliehen versucht. Und „Istislam“ von Mona El Naggar ist eine außergewöhnliche Dokumentation aus dem Innenleben der ägyptischen Muslimbruderschaft, in der in beklemmender Offenheit gezeigt wird, wie Islamisten mit Hilfe religiöser Phrasen die Unterordnung von Frauen unter die allgegenwärtige Männerherrschaft zu rechtfertigen und zu verewigen suchen.

Der algerisch-französische Spielfilm „Rengaine“ (19.9.) über Vorbehalte zwischen AfrikanerInnen von diesseits und jenseits der Sahara markiert den Übergang zum Programmblock mit cineastischen Entdeckungen aus Südafrika (20.-22.9.). Dazu sind südafrikanische Filmschaffende aus Johannesburg, Amsterdam und Berlin nach Köln eingeladen. Dass sich Menschen auch in Südafrika auf der Suche nach Freiheit nicht nur gegen staatliche Zwänge, sondern auch gegen überkommene Traditionen behaupten müssen, erfährt die Universitätsabsolventin „Elelwani“ in dem gleichnamigen Spielfilm. Während sie sich nach ihrem Studium ein Leben als Akademikerin in den USA vorstellt, haben ihre Eltern sie längst dem Chief ihres abgelegenen Heimatdorfs als Drittfrau versprochen. Der Film um mythenumwobene patriarchale Bräuche erregte in Südafrika einiges Aufsehen und Regisseur Ntshavheni Wa-Luruli kommt nach Köln, um mit dem Publikum darüber zu diskutieren. Wie kritisch sich FilmemacherInnen inzwischen auch mit der ANC-Regierungspolitik auseinandersetzen, illustriert die Dokumentation „Dear Mandela“. Sie zeigt SlumbewohnerInnen, die sich gegen bewaffnete staatliche Schlägerbanden zur Wehr setzen, um die illegale gewaltsame Räumung ihrer Hütten zu verhindern und ihr Recht auf Wohnraum zu verteidigen. Auch in dem Spielfilm „Hopeville“ muss sich der Protagonist gegen verkrustete Strukturen lokaler Behörden durchsetzen, um seinem Sohn die Erfüllung eines Traums zu ermöglichen. Regisseur Oliver Schmitz stellt in Köln seinen Spielfilm „Life, above all“ vor, der ebenfalls ein von der ANC-Regierung lange vernachlässigtes Problem behandelt: Er zeigt eine AIDS-Infizierte, die aus ihrer Community ausgestoßen wird, weil Schauermärchen über ihre Krankheit kursieren. Nur eine 12-Jährige wehrt sich gegen diese Dämonisierung.

Für eine andere Facette des neuen südafrikanischen Kinos steht der Thriller „How to steal 2 million“, ein actionreiches Drama um Freundschaft und Verrat, in dessen Mittelpunkt ein Ex-Sträfling steht, der sich zwischen zivilem Neuanfang und bekanntem kriminellen Milieu entscheiden muss.

Alle Veranstaltungen finden im Filmforum im Museum Ludwig statt (unmittelbar neben dem Kölner Hauptbahnhof). Die Reihe wird mit tunesischer Live-Musik eröffnet. Im Foyer bieten afrikanische Vereine Informationen und Essen an, und im Kinosaal sind am ersten Wochenende Plakate über „Street Art in Ägypten“ zu sehen, am zweiten historische Poster der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung.

Karl Rössel

Weitere Informationen: www.filme-aus-afrika.de
Kontakt: FilmInitiativ Köln e.V., Heidemannstr. 76a, 50825 Köln, Tel: 0221 – 4696243
mail@filminitiativ.de; www.facebook.com/FilmInitiativ

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