Der kollektive Wahnsinn zwischen den Zeilen

Der kollektive Wahnsinn zwischen den Zeilen

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Schon die Ankündigungen zur Verleihung des diesjährigen Friedensfilmpreises waren bestechend ehrlich. Genauso ehrlich und unverblümt wie der Siegerfilm selbst: „We come as friends“ von Hubert Sauper. Der mit 5.000 Euro dotierte Friedensfilmpreis wurde in diesem Jahr zum 29. Mal im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin überreicht. Diese Auszeichnung geht vor allem an Filme mit einer auffälligen Friedensbotschaft und ästhetischer Umsetzung.

Sauper schuf einen Film, der durch das Addieren von Ist-Situationen und mit seiner Aufrichtigkeit überzeugt. Er drehte den Dokumentarfilm im Jahr 2011 bis 2013 und flog dazu mit einem selbstgebauten Flugzeug in den Sudan. Dort landete er vielerorts und bekam einschneidende Einblicke in die Situation des Landes. Saupers Film beginnt kurz vor dem Referendum im Jahr 2011. Durch dieses erklärte der christlich geprägte Südsudan mit überwältigender Mehrheit seine Unabhängigkeit von der Islamischen Republik Sudan, mit der er jahrzehntelange (teils kriegerische) Auseinandersetzungen um Autonomie und Ressourcen geführt hatte.

Der Sudan ist reich an Rohstoffen, wie Erdöl, Gold, Eisen, Uran und Marmor. Der Zuschauer erhält Einblick in die Interessen an diesen Ressourcen, beispielsweise durch die Chinesen. Aber nicht nur die Rohstoffe führen zu zwiespältigen Konfliktsituationen, sondern auch die externen „Hilfsdienstleistungen“ in den Sudan und die religiöse Missionarsarbeit amerikanischer Evangelisten. Der Betrachter erhält Einblicke in die Sicht der dort lebenden Menschen; ihren Umgang und ihre Haltung gegenüber den Fremden; den „Aliens“. Aliens, das sind Chinesen, Amerikaner, Missionare, aber auch der Filmemacher selbst.

Das Land werde zu einem Spottpreis verscherbelt, so heißt es im Film: 600.000 Hektar für 25.000 US-Dollar. Scheinbar alles, um Rohstoffe abzubauen und Menschen „reicher“ zu machen. Sie können mit dieser Art von Reichtum nicht wirklich viel anfangen, im Gegenteil: Da sie ihr eigenes Land verkauft haben, müssen sie sich nun auf die Suche nach einer neuen Heimat machen. Skurrile Situationen werden gezeigt, etwa die Verteilung mitgebrachter Tennissocken von Amerikanern, die auf trockenem Lehmboden getragen werden sollen, um „die freien Wilden“ anzuziehen.

Im anschließenden Filmgespräch spricht Sauper über „We come as friends“: „Wichtig war mir, eine unglaublich komplizierte Mechanik zu beschreiben, die man fast nicht beschreiben kann. Aber man kann Fenster öffnen, auch in die Fantasie des Zuschauers, wo man diesen kollektiven Wahnsinn zwischen den Zeilen spürt. Das Ziel des Filmes ist es, diese kollektive Pathologie zu beschreiben, in der wir alle stecken, auch der Filmemacher.“ Sein Team habe sich in „einen totalen Ausnahmezustand versetzt“, erklärt er. „Wir waren, bildlich gesprochen, fast immer high: mit dem Flugzeug in der komischen Umgebung und wir wussten nie, wann es weitergeht, wann wir was zu Essen kriegen, wann wir aufgehalten werden. Wir wurden ständig konfrontiert mit sehr freundlichen und sehr feindlichen Energien.“ Dieser Situation seinen auch die ersten Kolonialherren ausgesetzt gewesen, meint Sauper. „We come as friends“ oder „We come in peace“, so lautet meist der erste Satz bei einer Begegnung der Bevölkerung mit den ‚Weißen Aliens‘. „In dem ersten Handschlag mit dem Chef des Dorfes liegt meist die ganze Palette der Tragödie heute in und für Afrika. Das heißt, die Freundlichkeit, die oft nicht echt ist. Die Gastgeschenke an die Bewohner waren sehr oft Waffen. Das heißt: Wir bleiben Freunde, ich geb‘ dir ein Gewehr; du kannst dann das nächste Dorf angreifen.“ Als „divide and rule“ (etwa: zerteile und regiere) bezeichnet Sauper dieses Vorgehen. „Im Gegenzug brauchten die reisenden Weißen natürlich Hilfe wie Lebensmittel, und die Soldaten interessierten sich für die jungen Frauen im Dorf. Korruption, Prostitution und Waffenhandel sind im ersten Handschlag enthalten. To make a long story short: Da situiert sich das ganze Drama dieser Dualität zwischen Europa und Afrika.“

Diese Dualität, das Skurille, das sich hinter einem Handschlag verbirgt, deckt der Film auf. Sauper führt uns mit einer ernsthaften und ästhetisch anspruchsvollen Dokumentation durch die Szenen. Das zynische „We come as friends“ ist dabei ein treffender Titel für einen Film, der den Spuren des Neokolonialismus nachgeht. Im reichen Rohstoffkontinent Afrika kommen die wenigsten Investoren als Freunde oder in Frieden. Sie wollen als Freunde empfangen werden, haben jedoch immer etwas in der Hinterhand.

Den Zuschauer_innen eröffnen sich viele Fragen, ohne eine Perspektive auf Antworten. Die bedrückende Dichte an erschreckenden Informationen hinterlässt ein Gefühl der Hilflosigkeit. Wir verlassen den Kinosaal mit dem brennenden Gedanken: Was soll ich jetzt damit anfangen? Mehr Wissen über ungerechte Verhältnisse ist nicht auch gleich Veränderung. Doch es ist bestimmt ein erster Schritt.

Marlene Bretschneider

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