Endstation Marokko

Endstation Marokko

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Ein reger Andrang herrschte am Montagabend, den 3. November, vor Kinosaal 3 des Hackesche Höfe Kinos Berlin. Mit dem Dokumentarfilm „The Land Between“ feierte der australische Regisseur David Fedele hier seine Premiere in der deutschen Hauptstadt.

Foto: Grenze Spanien-Marokko, bei Melilla von Ongayo, GNU Free Documentation License

Ein sieben Meter hoher Zaun trennt tausende von Flüchtlingen aus zahlreichen Ländern Westafrikas an der Grenze Marokkos von einem neuen Leben in Europa. Jede Nacht hinterlassen massenhaft Menschen beim Klettern ihre Blutspuren am Stacheldraht, der den gesamten Zaun überzieht; viele lassen dort ihr Leben. Zum Greifen nah erscheint die spanische Stadt Melilla auf der anderen Seite. Doch selbst wenn der Fluchtversuch geglückt und der Zaun erklommen ist, erreichen nur die Wenigsten das Auffanglager von Melilla.

„The Land Between“ zeigt den Alltag und das Leben der Menschen, die vor der spanischen Grenze gefangen sind. Sie verharren in Camps in den Bergen Marokkos und träumen von einem besseren Leben in Europa. Nach jedem Scheitern bleiben sie und versuchen es erneut – trotz der Folter des Militärs, gebrochenen Armen und Beinen und dem Verlust von Freunden und Familie. „Es ist einfacher, vorwärts zu gehen, als zurück“, erklärt ein junger Mann aus Mali im Film. Yakou lebt mit der malischen Community in einem Camp in den Bergen von Gourougou und erzählt seine Geschichte. Mit gerade mal 18 Jahren verließ er seine Familie und seine schwangere Frau in Mali. Er berichtet von den Soldaten, die jede Nacht ins Lager kommen und ihre Sachen verbrennen. Doch er erzählt auch von den Freunden, die es nach Europa geschafft haben. „Sie ermutigen mich, nicht aufzugeben und es weiter zu versuchen. Wenn ich es geschafft habe, kaufe ich Flugtickets, damit meine Familie ausreisen kann“.

Nach dem Film wirkten alle Zuschauer_innen sichtlich bewegt. Beeindruckend war die unerschrockene Ehrlichkeit des Films. So wurde auch eine Szene gezeigt, in der zwei Gefilmte ihre Zweifel zum Ausdruck brachten, ob der Regisseur wohl nur von ihrem Leid profitiere. Das erzeugte ein Gefühl von Aufrichtigkeit und überzeugte von den guten Absichten des Filmemachers.

Der australische Regisseur und Produzent David Fedele drehte und bearbeitete den Film selbst. Mit einem Rucksack und ohne Drehgenehmigung reiste er in die Berge Marokkos, um mit einer Gruppe von Flüchtlingen in Kontakt zu kommen. Seine Erfahrungen und Erlebnisse teilte er nach der Filmvorführung mit dem Publikum. „Ich habe mich dazu entschieden, in Gourougou zu drehen, weil es der letzte Ort mit einem Lager vor dem Zaun ist“, berichtete Fedele. „Die meisten Leute wollten nicht gefilmt werden“, erzählt er. Auch die Sprachbarriere machte ihm während der Dreharbeiten zu schaffen. Vieles, was die Leute sagten, erfuhr er erst bei der Bearbeitung des Films von einem Übersetzer. „Die Kommunikation führte ich mit den Menschen nicht durch Sprache, sondern durch die Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben.“ Trotz des großen Risikos war er fest entschlossen, den Film der Welt zu zeigen. Einmal wurde er während seines Aufenthalts vom marokkanischen Militär in Gewahrsam genommen. „Im letzten Moment habe ich die Speicherkarte aus der Kamera entfernt“, so Fedele. Die verbliebenen Fotos, auf denen Schwarze Menschen zu sehen waren, wurden ausnahmslos gelöscht. „Das war ihr einziges Kriterium beim Löschen“, lachte er.

Die gute Nachricht hat sich David Fedele für den Schluss aufgehoben. Die Freude steht ihm ins Gesicht geschrieben, als er verkündet, dass Yakou es inzwischen über den Zaun geschafft hat. Momentan befinde er sich in Almeria in Spanien, wo Fedele ihn nächste Woche besuchen wird. „Yakou ist ein intelligenter Mann. Er wird die Möglichkeit nutzen, vor einem großen Publikum zu sprechen.“ Auch für seinen Dokumentarfilm ist Großes geplant. Dieser wird seit Anfang des Jahres weltweit auf zahlreichen Filmfestivals gezeigt und erhielt bereits sechs Preise. Demnächst soll er unter anderem dem europäischen Parlament vorgeführt werden.

Foto: Grenze Spanien-Marokko, bei Melilla von Ongayo, GNU Free Documentation License

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