„Hegemoniale Grundhaltung des Orientierungsrahmen“

„Hegemoniale Grundhaltung des Orientierungsrahmen“

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Anti-rassistische und dekoloniale Organisationen und Initiativen kritisieren Neufassung zu globalem Lernen und nachhaltige Entwicklung

Der Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung wurde erstmalig 2007 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zusammen mit der Kultusministerkonferenz (KMK) herausgegeben. Ziel war es, einen Referenzrahmen für bildungspolitische Aktivitäten besonders für Schulen zu erarbeiten, die sich an den Konzepten Nachhaltige Entwicklung und Globales Lernen orientieren. Seit dieser ersten Veröffentlichung gab es immer wieder Kritik an der Ausarbeitung des Orientierungsrahmens und so wurde Mitte Juli 2014 eine überarbeitete Version im Internet veröffentlicht. Aber auch diese muss sich scharfer Kritik aussetzen.

Am 1. September 2014 haben Berlin Postkolonial, glokal, IMAFREDU, karfi und moveglobal einen offenen Brief zur Überarbeitung des Orientierungsrahmens an das BMZ und die KMK geschickt.

Die Verfasser_innen des offenen Briefs üben an insgesamt fünf Punkten detaillierte Kritik, die sich jedoch größtenteils aus der „hegemonialen Grundhaltung des Orientierungsrahmen“ ergibt. Daher fordern die Verfasser_innen auch keine Überarbeitung einzelner Passagen, sondern erwarten einen Perspektivwechsel, vor dem nachhaltige Entwicklung und globales Lernen neu gedacht und konzipiert werden müssen.

So beginnt der Brief mit der Frage nach den Autor_innen der neusten Version. Nicht nur, dass lediglich eine Vertreterin der Nicht-Regierungs-Organisationen unter den Autor_innen ist, wird negativ bewertet. Scheinbar fehlen in dem Personenkreis auch jene mit eigenen migrantisch-diasporischen Erfahrungen, deren Perspektiven für die Gestaltung bildungspolitischer Arbeit in Deutschland aber unerlässlich sind.

Auch die Inhalte würden sich mehrheitlich an eine „deutsche weiße Zielgruppe“ richten, die als „homogen weiß, christlich und gesund“ gedacht wird. Der Orientierungsrahmen lege dieser Zielgruppe individuelle Handlunsganweisungen im Umgang mit den „Anderen“ nahe, was eine Eigen- und Fremdzuschreibung jedoch nur verstärken würde.

Inhaltlich wird bemängelt, dass die Kategorien Gender, Klasse und Rasse sowie die Systeme Kapitalismus und Neoliberalismus nicht behandelt werden und somit auch keine kritische Auseinandersetzung mit diesen stattfinden kann. Damit würden zudem globale Zusammenhänge von Armut und Reichtum nicht hergestellt und die Verantwortung Deutschlands in Bezug auf die Kolonialzeit ausgeblendet werden.

Der Brief wurde bereits von vielen Wissenschaftler_innen und anderen Vereinen unterschrieben. Am 3. und 4. September 2014 soll eine öffentliche Anhörung zur umstrittenen Neufassung in Bad Honnef stattfinden.

Mehr Informationen zu dem Brief sowie die Möglichkeit, diesen zu unterzeichnen, finden Sie unter

http://decolonizeorientierungsrahmen.wordpress.com/

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