Auf den Spuren des Kolonialismus

Auf den Spuren des Kolonialismus

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In einer lebhaften Diskussion reflektierten interessierte Teilnehmer_innen am Workshop Dekolonialisierung durch Sprache die Auswirkungen der Kolonialisierung auf die afrikanische Literaturszene.

Foto: Afrika Medien Zentrum

Nicht nur in Form von Grenzen hinterließen die ehemaligen Kolonialmächte Spuren in den heute unabhängigen Ländern Afrikas. Tatsächlich ist ihr Einfluss so tiefgreifend spürbar, dass afrikanische Autoren den Kolonialismus in der afrikanischen Literaturszene zentral thematisieren. Auch die Wahl der Schriftsprache wird oftmals als Statement auf die Goldwaage gelegt, denn die meisten literarischen Werke afrikanischer Autoren sind in den ehemaligen Kolonialsprachen verfasst. Welche Bedeutung hat das für den alltäglichen Sprachgebrauch und die Nutzung von Regionalsprachen? Am Samstagnachmittag des 29. November konnten Fragen wie diese in einem Workshop von Ronja Sommerfeld diskutiert werden.

Der als Referent eingeladene Sozialwissenschaftler Dr. Kabanda beleuchtete in einem anregenden Vortrag die Nutzung von Sprache als Ausdruck der Zugehörigkeit von ethnischen Gruppen. Gedankenlos zogen die Kolonialmächte ihre Grenzen mitten durch Siedlungsgebiete einer Gruppe, welche eine gemeinsame Sprache teilte. Die Kolonialisierung brachte vieles durcheinander und führte unter anderem zu einem pluralistischen Sprachgebrauch in einem Land. „Aus Sicht der Kolonialherren war die Einführung ihrer kolonialen Amtssprache ein Geschenk für die angesiedelten Völker, um sich einheitlich zu verständigen“, erzählte Kabanda. Verdrängen konnten sie die Regionalsprachen trotzdem nicht. Lange Zeit herrschte im Alltag weiterhin die jeweiligen Muttersprachen vor. Heutzutage sieht das etwas anders aus. Die Kolonialsprachen sind im Alltag, sowie in der Literatur auf dem Vormarsch.

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Dr. Médard Kabanda hält einen Impulsvortrag.

Unter anderem ist das durch die vermischte Nutzung verschiedener Sprachen bedingt, wie Ronja Sommerfeld erklärte. Bei einer in Afrika lebenden Familie hat das Wort Muttersprache eine andere Bedeutung als die Muttersprache in Deutschland. Hier beschreibt sie die Sprache, mit der man aufwächst. Bei der afrikanischen Familie ist die Muttersprache buchstäblich die Sprache der Mutter. Auch die sogenannte Vatersprache ist Teil des alltäglichen Gebrauchs. Jeder verständigt sich mit einer bestimmten Person auf einer bestimmten Sprache. Die Verwendung einer Kolonialsprache in der Literatur nimmt die Komplexität und erreicht eine größere Zielgruppe, als der Autor mit einer Regionalsprache erschließen könnte. Und doch gelten solche Autoren bei Kritikern als Verfechter des Kolonialismus. Denn Sprache ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur. Wird eine Sprache verdrängt, geraten viele Übermittlungen in Vergessenheit. Es mag stimmen, dass bestimmte Traditionen und Bräuche ohne die Regionalsprache nicht existieren könnten.

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Ronja Sommerfeld (r.) erklärt ausgewählte Zitate verschiedener Bücher.

„Afrikanische Sprachen kommen ohne Bildsprache und eigenwillige Sprichwörter oft nicht aus“, so Ronja Sommerfeld. „Deswegen können sie auch so schlecht in westliche Sprachen übersetzt werden.“ Übersetzer, die damit nicht vertraut sind, missverstehen die Metaphern und stufen aus Unkenntnis den Schreibstil des Autors herab. Im Hinblick darauf befindet sich ein afrikanischer Autor, der auf einer Kolonialsprache schreibt, auf der sicheren Seite. Dennoch schließt das die Auseinandersetzung mit den Folgen des Kolonialismus nicht aus. Heimat, Identität und Zugehörigkeit sind oftmals zentrale Themen und bieten Stoff, um die Geschichten von Alltagshelden zu erzählen.

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