Kolonialismus im Kasten und auf die Ohren

Kolonialismus im Kasten und auf die Ohren

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Der Kolonialismus ist ein vernachlässigtes Kapitel in der deutschen Geschichte. Auch im Deutschen Historischen Museum in Berlin findet man wenig zu diesem wichtigen Thema. Die Initiative Kolonialismus im Kasten? bietet deshalb einen alternativen Audioguide, der die Darstellung der deutschen Kolonialgeschichte kritisch beleuchtet.

Das Deutsche Historische Museum in Berlin präsentiert in seiner Dauerausstellung 7.000 Exponate, die Einblick in 1.500 Jahre deutsche Geschichte geben sollen. Auch die verhältnismäßig kurze Epoche des deutschen Kaiserreichs wird thematisiert. Doch wer die dazugehörige Geschichte deutscher Kolonien (sogenannter Schutzgebiete) sucht, muss genau hinsehen. In einer versteckten Vitrine findet man vereinzelte Artefakte: ein Fotoalbum, ein Gemälde des Kilimandscharo, eine Uniform, Portraitzeichnungen afrikanischer Menschen. Ein willkürlich zusammen geworfener Haufen Erinnerungsstücke. Über die Kolonialherrschaft der Deutschen erfährt man weiter nichts.

Den Historikerinnen Manuela Bauche, Dörte Lerp, Susann Lewerenz, Marie Muschalek und Kristin Weber war das zu wenig. Nachdem sie sich 2009 während der antikolonialen Kampagne „125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz“ kennengelernt hatten, gründeten die Initiative Kolonialismus im Kasten?. In den folgenden Jahren organisierten sie unabhängige, kritische Führungen im Museum und erarbeiteten ein Konzept für einen alternativen Audioguide, in dem die Darstellung Deutschlands als Kolonialmacht im Deutschen Historischen Museum kritisch beleuchtet werden soll. Seit 2013 stellt die Initiative den Audioguide kostenlos auf ihrer Website zur Verfügung. Durch ihn sollen Zusammenhänge von Kolonialismus und der Geschichte des Kaiserreichs einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.

Der Audioguide bezieht sich sowohl auf Ausstellungsstücke, die direkten Bezug zur Kolonialzeit haben, diesen aber nicht weiter thematisieren als auch Exponate, die in keinem direkten Zusammenhang mit dem Kolonialismus stehen. Im Abschnitt Wissenschaft und Technik wird beispielsweise auf die zahlreichen Menschenversuche in Afrika aufmerksam gemacht, von denen unter anderem der Pharmakonzern Bayer profitierte. Im Bereich Arbeitsbedingungen und Arbeitswiderstand im Kaiserreich werden die Bedingungen, mit denen in den deutschen Kolonien verglichen und eine neue Perspektive aufgezeigt. Die fünf Historikerinnen wollen aber vor allem auf die Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85 unter Otto von Bismarck aufmerksam machen. Sie bildete die Grundlage für das Aufteilen des afrikanischen Kontinents in Kolonien. In der Ausstellung wird sie jedoch mit keinem Wort erwähnt.

Die Museumsleitung hat problematische Beschriftungen zwar inzwischen teilweise überarbeitet, eine umfangreiche Aufarbeitung der deutschen kolonialistischen Vergangenheit ist derzeit aber nicht geplant.

Hier gehts zum Audioguide: www.kolonialismusimkasten.de/der-guide

Katrin Steck

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