Lebenswege afrikanischer Frauen in Deutschland

Lebenswege afrikanischer Frauen in Deutschland

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Foto: Afrika Medien Zentrum

Stimmungsvolle Koramusik des Griots Aziz Kuyateh empfängt das Publikum am Sonntag, den 9. Februar, im Haus am Dom Frankfurt am Main. Als eine von vielen Veranstaltungen im Rahmen des diesjährigen Africa Alive Festivals sorgt die Podiumsdiskussion, die an diesem Tag auf dem Programm steht, für einen vollbesetzten Saal.

Vier beeindruckende und engagierte Frauen stellen sich nun als Diskutantinnen vor: Esther Mujawayo-Keiner lebt seit 14 Jahren in Deutschland und arbeitet nun als Psychotherapeutin für Flüchtlinge. In ihrer Heimat Ruanda verlor sie ihren ersten Ehemann und fast ihre gesamte Familie durch den Genozid von 1994. Zusammenhalt und Freundschaft unter Frauen halfen ihr, diese schwierige Zeit zu überstehen. Sie gründeten AVEGA, eine Witwenorganisation, der inzwischen 35.000 Frauen in Ruanda angehören. Die Kenianerin Virginia Wangare-Greiner ist Vorstandsvorsitzende von Maisha e.V., der sich für afrikanische Frauen in Deutschland engagiert. Zum Angebot gehören Therapien, Schwangerschaftsbegleitung oder medizinische Versorgung für Menschen ohne Papiere. Im zarten Alter von 13 Jahren verließ Charlotte Njikoufon gemeinsam mit ihren Eltern Kamerun nach Deutschland. Die Sozialwissenschaftlerin arbeitet heute bei FIM (Frauenrecht ist Menschenrecht), wo sie psychotherapeutische Beratungen für Menschen aus dem anglophonen und frankophonen Afrika anbietet. Sie initiierte auch in ihrer französischsprachigen Gemeinde eine Begegnungsstelle für afrikanische und europäische Christen. Mit 21 Jahren verschlug es Dasitu Kajela-Röttger aus Äthiopien nach Deutschland, da ihr Mann ein Stipendium für ein Studium hier bekam. Sie engagiert sich bei Africa Alive und bietet Beratungen und Übersetzungen an. 

In der Diskussion sprachen die Frauen über ihr Engagement, ihre Motivation, ihre Hoffnungen und Ängste mit Blick auf die Zukunft. Es gibt viele Gründe für die vier Frauen, sich in Deutschland für andere Afrikanerinnen zu engagieren. So gab es etwa, als Virginia Wangare-Greiner vor 28 Jahren nach Deutschland kam, kaum Infrastruktur für Afrikanerinnen und Afrikaner. Das wollte sie ändern. Auch wollte sie die Solidarität unter Frauen, die sie erfahren hatte, weitergeben.

Die eigene Identitätskrise war für Dasitu Kajela-Röttger der Anlass, sich im Bereich der afrikanischen Kultur zu engagieren: Je mehr sie sich ‚integrierte‘, desto mehr entfernte sie sich von ihrer Heimatkultur und fragte sich "Wer bin ich eigentlich?" Das Bewusstsein für die eigenen Wurzeln half ihr, die Identität einer afrikanischen, Schwarzen Frau mit europäischer Prägung anzunehmen. Mit Tanz- und Festivalveranstaltungen oder Trommelkursen trägt sie nun dazu bei, afrikanische Kultur für andere erfahrbarer zu machen. Auch Charlotte Njikoufon bleibt ihrer Heimat verbunden und möchte ihre Erinnerungen an diese mit anderen teilen. So freut sich, über ihren Beruf die Gelegenheit zu bekommen, Menschen von ihrem Herkunftsland, das sie durch ihre Anwesenheit in Deutschland repräsentiert, zu erzählen.

Ein wichtiges Thema der Diskussion war der Umgang mit Rassismus in der Schule. Die Weiterbildung der Eltern, da sind sich die Diskutantinnen einig, ist hier ein zentraler Punkt. Auf der einen Seite müssten Brücken zur Mehrheitsgesellschaft gebaut werden. Andererseits seien auch Höflichkeit und eine Willkommenskultur von Seiten derselben wichtig. Diese fehlen jedoch oft, wie das Podium feststellt.

Die Tätigkeit für Afrika gibt auch Kraft, wie Njikoufon erklärt: „Das ist wie Luft, Wasser zum Leben. Ohne das kann ich mich nicht wohlfühlen." Frau Kajela-Röttger gibt die Community Rückhalt, sie braucht aber auch den Dialog zur Mehrheitsgesellschaft: „Ich kann nicht ohne Europäer, Asiaten, die Welt leben. Ich möchte alles mit anvisieren.“ Sie möchte als Sprachrohr für Afrikaner und Afrikanerinnen für Empowerment und einen kontinuierlichen Dialog und Miteinander wirken, besonders für Kinder, die ihren Platz finden müssen. Auch der Kontakt zu Afrika ist ihr wichtig, sie möchte vor Ort von der Situation in Deutschland erzählen; von Problemen mit Aufenthaltserlaubnissen, Wohnungssuche und Arbeit. Sie plädiert dafür, nicht unter sich zu bleiben, sondern sich mitzuteilen. Dies sei auch gut für die eigene Psyche. Zudem möchte sie Kinder motivieren, ehrgeizige Ziele zu verfolgen. Es brauche Vorbilder, damit die Kinder daran glauben, dass sie ihre Träume verwirklichen können. Gerade wenn ihre Eltern in dieser Hinsicht gescheitert sind.

Die Diskutantinnen wünschen sich mehr Präsenz in der europäischen Politik, um die Geschehnisse in der Heimat beeinflussen zu können. Frau Kajela-Röttger kritisiert, dass Diaspora sehr nationalgebunden ist. Sie wünscht sich einen Dialog, der alle afrikanischen Frauen anspricht. Nun, im Rahmen der Podiumsdiskussion schien sie bereits auf viele offene Ohren gestoßen zu sein.

Im Anschluss unterhielten sich die Zuschauer_innen bei einem afrikanischen Buffet und Getränken mit den Diskutantinnen und hatten Gelegenheit, sich die Fotoausstellung zum 20-jährigen Jubiläum des Vereins Africa Alive und Karikaturen zum Thema „50 Jahre Afrikanische Union“ anzusehen. Bis 23. Februar werden diese noch im Haus am Dom zu sehen sein. Einen Besuch lohnen sicherlich auch das Africa Alive-Abschlusskonzert am 22. Februar in der Brotfabrik und das Kinderprogramm der Gruppe Jabahee am 23. Februar.

Mehr über das Africa Alive-Festival und das Programm im Detail gibt’s unter: http://www.africa-alive-festival.de/

Friederike Brinker  

 

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