Saudi-Arabien schiebt 50.000 Äthiopier ab

Saudi-Arabien schiebt 50.000 Äthiopier ab

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Offizieller Anlass für die massenhafte Ausweisung äthiopischer Gastarbeiter aus Saudi-Arabien war das Ende einer siebenmonatigen Frist, innerhalb der die illegalen Gastarbeiter ihren Status legalisieren oder straffrei ausreisen sollten. Der eigentliche Grund für die Abschiebung von bis zu 50.000 Äthiopiern liegt aber eher in einer zunehmenden „Saudifizierung“ der saudi-arabischen Wirtschaft, die internationale Ökonomen in den letzten Jahren beobachten. Derzeit sind 12% der Saudis arbeitslos, was die saudische Regierung vor allem auf ausländische Gastarbeiter aus Ostafrika zurückführt, die den Einheimischen Jobs im Dienstleistungsbereich und im Baugewerbe wegnähmen. Als Lösung des Problems schiebt Saudi-Arabien seit dem 4. November Äthiopier in ihre Heimat ab.

Die Zahl der abgeschobenen Äthiopier war laut Dina Mufti, Sprecher des äthiopischen Außenministeriums, höher als erwartet. „Wir waren ursprünglich von 10.000 Personen ausgegangen, aber die Zahlen steigen an“, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur Deutsche Welle. Bis zum Ende des Jahres könnten es sogar bis zu 80.000 Menschen sein.

Nicht nur die hohe Zahl der Abgeschobenen, sondern auch ihre Behandlung durch saudische Behörden führte zu Verstimmungen in Äthiopien. Eine Frau an der Flughafenabfertigung berichtete gegenüber deutschen Journalisten: „Im Abschiebgefängnis haben sie uns trockene Kekse, Wasser und ein Taschengeld von 900 äthiopischen Birr (etwa 35 Euro) gegeben. Damit konnte ich mir die Hose kaufen, die ich am Körper trage, sonst habe ich nichts. Was soll nur aus mir werden?“

Die abgeschobenen Äthiopier waren in Saudi-Arabien auf der Suche nach einer gut bezahlten Arbeit. Allein 2012 suchten nach Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über 200.000 Frauen aus Ostafrika  in den Golfstaaten eine Anstellung als Dienstmädchen oder Babysitterin. Doch dadurch gehen Äthiopien jährlich wertvolle Arbeitskräfte verloren. Dass das ostafrikanische Land aus diesem Grund die Rückführungsaktion mitorganisiert hat, ist ein offenes Geheimnis. Saudi-Arabien und Äthiopien pflegen nämlich traditionell gute Beziehungen.

Die Rückführung und Repatriierung der Landsleute lässt sich der äthiopische Staat bis zu zwei Millionen US-$, rund 38,5 Millionen äthiopische Birr (ETB), kosten. Die Flugkosten will der äthiopische Staat erstatten. Mit der Rückführung nach Äthiopien würden aber auch die Geldüberweisungen der Auslandsäthiopier in die Heimat ihrer Verwandten wegfallen. Getachew Belete, Sprecher der äthiopischen Regierung, sagte dazu: „Alle diese Menschen haben ihre Familien daheim unterstützt. Ein Arbeiter in Saudi Arabien ernährt im Schnitt fünf Familienmitglieder in Äthiopien.“ Für den Wiedergewinn von Arbeitskräften muss der äthiopische Staat also teuer bezahlen.

Außerdem stehen die Rückkehrer in Äthiopien erst einmal vor dem Nichts. Die Frauen könnten aus der Not heraus in die Prostitution gehen, was im christlichen Äthiopien moralisch-soziale Konflikte auslösen könnte. Auch Saudi-Arabien gehen billige Arbeitskräfte verloren. Ra’ed al-Eqaili, Vertreter der Handelskammer im saudi-arabischen Dschidda bezweifelt daher den Sinn der massenhaften Abschiebung, da viele Saudis nicht bereit seien, niedriger bezahlte Arbeit zu übernehmen. In der Bauindustrie z.B. „ist es nötig, manchmal in entlegene Gegenden zu fahren. Viele Saudis hätten aber lieber einen Job im administrativen Bereich“, sagte al-Eqaili gegenüber der Deutschen Welle.

Doch für Äthiopien steht die Rückgewinnung von Arbeitskräften für die heimische Wirtschaft im Vordergrund. Und Saudi-Arabien will seine Ökonomie „saudifizieren“. Die Leidtragenden sind hingegen die zurückgekehrten Äthiopier, die eine unsichere Zukunft erwartet. Um diese Menschen muss sich der äthiopische Staat nun kümmern, damit sie dem ostafrikanischen Land nicht erneut verloren gehen.

                                                                                                                                                                        René Czeszinski

 

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